In dieser Ausgabe von Kultbrasil geht es an verschiedenen Stellen um die Auseinandersetzung mit Stereotypen und Klischees, zum Beispiel bei unserer Diskussion von Pünktlichkeit oder im Rahmen der Kultbrasil Interviews. Ich möchte daran in diesem Blogeintrag anschließen und zugleich eine Brücke schlagen zu meinem letzten Beitrag, in dem ich Orkut vorgestellt habe. Darin hatte ich kurz Bezug genommen auf eine Diskussion von in Deutschland lebenden Brasilianern rund um das Thema „Felicidade“ in Brasilien und Deutschland. Diesem Thema möchte ich mich heute widmen.
Die Suche nach dem Glück ist ein klassisches Motiv für Märchen, weil sie ein menschliches Grundbedürfnis anspricht. In unserer modernen Wirklichkeit beschreiten wir die unterschiedlichsten Wege und Trampelpfade, um dem Glücklichsein so nah wie möglich zu kommen. Einige streben nach dem großen Los in der Lotterie, andere hoffen, durch Arbeit und noch mehr Arbeit sich dem Glück kontinuierlich anzunähern: Schaffe, schaffe, Häusle baue. Glücklichsein, das kann auch bedeuten, einen Partner zu finden oder ein eiskaltes Bier zu trinken. Glück finden wir in vielerlei Dingen und Tätigkeiten. Jeder sieht es anders, aber die Suche danach treibt uns alle an. Aristoteles hat Glücklichsein als höchstes Ziel der Menschen identifiziert. Ein Rezept zum Glücklichsein hat er uns nicht überliefert, und so ist es uns anheim gestellt, wie wir dazu gelangen?
Gibt es also sozusagen unterschiedliche Rezepte für das Glück in Brasilien und Deutschland?
Wenn man den brasilianischen Orkut-Nutzern Glauben schenken will, gibt es in jedem Land besondere Barrieren, welche den Weg zum Glück versperren. Außerdem treten Zweifel auf, ob die Deutschen wirklich so recht wissen, was das Glücklichsein bedeutet. Es folgen einige auf jeden Fall sehr unterhaltsame O-Töne (in deutscher Übersetzung):
Eduardo: “Felicidade” für die Deutschen ist gleich: Arbeit, Geld, Versicherungen, Ikea, Ebay, Bier, ein neues Auto, Urlaub in den Nachbarländern (nicht so weit weg, insbesondere dort, wo man Spanisch oder Italienisch spricht), sogar beim Ficken sparen, früh schlafen, Ruhe, Ruhe, Ruhe und noch mehr Ruhe! Lass ihn in Ruhe, und er wird dich nichts fragen. Und so leben alle froh beim Psychiater.
Aurélio: "Also, ich würde sagen, dass die “felicidade” in Deutschland, wenn es sie wirklich gibt, in zweifacher Ausfertigung und gestempelt kommt. Aber die Ausstellung dauert länger als die Warteschlangen für einen Trabant in der DDR waren."
Mimi: “Felicidade” für die deutschen Männer bedeutet nach der Meinung dieser Community viel Bier, Sex ist vollkommen verzichtbar, und Ferien auf der finsteren Insel Mallorca und Schlager hören. Das scheint mir der Vorhof der Hölle zu sein."
Flávia: "Hier in Deutschland glücklich zu sein ist zu sagen, dass man nach Spanien gefahren ist, die Möglichkeit, für die Zukunft zu sparen, wenn nicht einmal die Kinder dich mehr besuchen und du nicht einmal mehr die Kraft hast, Geld auszugeben. Es bedeutet zu sagen, dass man alles allein macht und immer seine Ruhe haben zu wollen."
Carlos: "Wenn Du in Brasilien auf eine Party gehst, bist Du glücklich, wenn Du ein tolles Mädchen kennen lernst und sie küsst. In Deutschland bist Du schon glücklich, wenn das Mädchen sympathisch ist."
In Brasilien bedeutet ein Wochenende mit Sonnenschein die vollständige “felicidade”. Wenn es in Deutschland mal nicht regnet, bin ich schon glücklich."
Wenn das Rezept auf der Suche nach dem Glück darin besteht, Ruhe zu suchen, Geld zu sparen und für ein paar Tage vorprogrammiert die Sau auf Mallorca raus zu lassen, um ausgelassen Caipirinha schlürfend „Tanze Samba mit mir“ zu gröhlen, dann wird es von den Brasilianern nicht als tauglich angesehen.
Aber ist es in Brasilien wirklich besser – abgesehen vom oben beschriebenen guten Wetter und der bestehenden Hoffnung, auf einer Party ein Mädchen zu küssen? Wohl nicht, denn wir finden, ebenfalls sehr unterhaltsam, durchaus selbstkritische Bemerkungen:
Eduardo: “Felicidade” für die Brasilianer ist gleich: nicht arbeiten, Snobismus, Geld und mehr Geld, um sich zu zeigen (weil es für sich selbst keinen Spaß macht), keine Versicherungen, so was passiert nur den anderen, ein altes Auto, sich zusammen klucken, Geld ausgeben in den Ferien, was man nicht hat und dafür den Rest des Lebens bezahlen, viel Sex und Liebe, mehr sprechen als der Mund hergibt, Freundschaften sogar mit dem Türsteher schließen, tanzen und bei Wahlen für Ganoven und Betrüger stimmen, sonst hat man kein Gesprächsstoff für den Rest des Jahres, und Telenovelas.
Michele: Ich finde, ein Brasilianer ist schlimmer als ein Huhn. Er bekommt einen Tritt in den Hintern und läuft dabei noch fröhlich singend heraus!
Einen Tritt in den Hintern = Korruption, Gewalt, niedrige Löhne etc.
Paula: Ohne die Atmosphäre hier stören zu wollen. Ich glaube, dass auch ein glücklicher Deutscher ein Deutscher ist, der sich gut mit der Familie verträgt. Alle Deutschen, die ich kennen gelernt habe, hatten diese Familien-Sache. Die Jugendlichen, die ich kennengelernt habe, sagten, dass sie sich gerade zur Gründung einer Familie vorbereiten. Das finde ich sehr auffallend und eindrucksvoll an ihrer “felicidade”. So sind nicht nur der Männer, sondern die Frauen auch. Aber die Männer sind am meisten so. Manche Brasucas bräuchten dagegen wirklich dringend einen Psychiater, aber sie vetrauen lieber auf Macumba, Bier und eine Geliebte.
Und was soll man nun dazu sagen, nachdem das erste Lachen und Schmunzeln abgeklungen ist? Nun, zum ersten: Lachen ist gesund. Und das heißt: Glücklichsein bedeutet mit Brasilianern über’s Glücklichsein in Deutschland und Brasilien zu diskutieren.
Aber dabei wollen wir es hier nicht belassen: Natürlich kann ich die Äußerungen hier so nicht stehen lassen. Das hier gezeichnete Bild der Deutschen als Glücksmuffel stimmt keineswegs mit meiner eigenen Kulturerfahrung, geschweige denn mit meinem eigenen Selbstbild überein. Aber natürlich kenne ich Leute, die der Beschreibung durchaus nahe kommen.
Und die Brasilianer? Ich kenne viele, die der oben aufgezeigten Beschreibung überhaupt nicht entsprechen – Leute, die viel härter arbeiten als es in Deutschland vorstellbar oder üblich ist, genauso wie Leute, die sich aus Misstrauen vor dem Nachbarn und Angst vor imaginierter Gewalt isolieren. Es ist also wichtig festzustellen: „Den Brasilianer“ gibt es ebenso wenig wie „den Deutschen“, dafür aber um so mehr Klischees und Stereotype, mit denen wir in unserem Leben immer wieder konfrontiert werden.
Wenn wir uns die Brasilianer als um die Wette strahlende, sambatanzende Wonneproppen mit direktem Zugang zur Quelle des Glücks vorstellen, schaffen wir genauso ein Artefakt, wie wenn manche Brasilianer uns Deutsche als chronisch vergrämte Miesmuffel ansehen, für die das Glücklichsein weniger erreichbar ist als ferne Planeten.
Aber auch dabei wollen wir es nicht belassen, denn man könnte dies missverstehen als einen puren Individualismus im Sinne von „jeder ist seines Glückes Schmied“. Nationalität und Kultur erscheinen aus dieser Perspektive nur als einengende Schablone zum Zeichnen von Vorurteilen – und als gänzlich verzichtbar und überflüssig. Ja, zum Glück sind wir alle Individuen mit unserer ganz persönlichen Identität – aber gleichzeitig werden wir natürlich beeinflusst von unserem Umfeld und damit auch von der uns umgebenden Kultur.
Und da gibt es aus meiner Perspektive zwischen Brasilien und Deutschland sowohl Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Zunächst zu den Gemeinsamkeiten: Sowohl in Deutschland als auch in Brasilien ist Glücklichsein verbunden mit Anerkennung, Integration, Eingebundenheit, Nähe zu Freunden und Familie sowie mit besonderen gemeinsamen Momenten. In beiden Ländern kann „Glücklichsein“ auch mit Schattenseiten verbunden sein, im Sinne einer Norm: „Sei gefälligst glücklich und pass’ Dich an, ohne anderen eine Last zu sein“.
Und natürlich gibt es auch Unterschiede, die sowohl mit der Sozialstruktur als auch mit kulturell verankerten Gewohnheiten einher gehen. In Brasilien gibt es zum Beispiel die Herausforderung der Integration in Verbindung mit Armut und fehlendem Respekt. Ich habe sowohl in Salvador als auch in Rio de Janeiro Kinder getroffen, welche in ihrem Leben erst ein- oder zweimal in ihrem Leben an einem der traumhaften Strände ihrer Heimatstadt spielen konnten, weil in der Familie schlicht und einfach kein Geld dafür zur Verfügung stand, mit dem das Busticket dorthin hätte bezahlt werden können. In Deutschland haben wir dagegen zum Beispiel eher das Problem von Anonymität und Kontaktarmut im Zusammenhang mit dem Gefühl vom Abgeschoben-Sein im (Noch-)Wohlfahrtsstaat. Dies sind natürlich nur zwei Beispiele. Denn das Thema Glücklichsein und Kultur ist zu komplex, um es hier im Rahmen eines Blogs erschöpfend zu behandeln.
Halten wir aber zum Abschluss fest: Den Brasilianer gibt es ebenso wenig wie das brasilianische Geheimrezept zum Glück. Auch umgekehrt gilt: Den Deutschen und deutsche Patentrezepte zum Glücklichsein gibt es nicht.
Aber eins eint uns: Wir können gemeinsam lachen über Stereotype und Klischees. Und das macht Spaß – und sind wir nicht glücklich, wenn wir gemeinsam lachen?
Deshalb hier zum Abschluss noch ein absolutes Highlight programmierter deutscher Glückseligkeit: Singen wir gemeinsam „Carneval in Rio“ von Heino und klatschen dazu im deutschen Marschmusik-Rhythmus...
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*Dieser Blog basiert auf einem ausführlicheren Manuskript des Vortrages „Auf der Auf der Suche nach dem Glück: Konsum und Identität – Deutsche und Brasilianer“, den Dr. Thomas Kühn im Juni 2007 an der Evangelischen Akademie in Tutzing gehalten hat
Ay, ay, ay, ay
Carneval in Rio
Lalala
Hey
Carneval in Rio
Ay, ay, ay, ay
Leuchte Stern von Rio
Hey
Don Pedro lädt ein
Muchachos
Das Fest muss gelingen.
Drum lass’ die Gitarren erklingen
Und die Amigos singen
Amigos – Siesta
Wir feiern Fiesta
Am Strande von Copa Cabana
Dann machen wir durch bis manana
Und das noch mit allen Schikana.
Liebe Fabi !
Das war wirklich ein sehr neutraler und fairer Beitrag, den Du hier geschrieben hast - gefällt mir sehr gut und war echt interessant zu lesen ! Ich bin auch der Meinung, dass weder in Brasilien, noch
in Europa alles Gold ist, was auch glänzt !
Hallo Oliver vielen Dank für deinen Eintrag.
Aber Thomas Kühn hat diese Blog geschieben. Ganz bestimmt wird er sich sehr auf deinen Kommentar freuen.
Grande Abraco,
Fabiana
Der Eintrag von Paula ist sehr weise. Nach fast 20 Jahren Brasilien bin ich zu keiner anderen Ansicht gekommen. Für mich war ich immer ein Glückskind, in dser esten Welt in einem soziokulturell fast
perfekten Umfeld großgeworden zu sein. Auf der anderen Seite: gibt es etwas einnehmenderes wie das breite Lächeln eines Brasilianers? Glücksgefühle sind sowieso nur kurze Momente und, so glaube ich,
rund um den Erdball recht gerecht verteilt.
Um im Sinne von Zé do Rock "Schröder liegt in Brasilien" zu sprechen: Die Deutschen sind glücklich, ohne es zu wissen und die Brasilianer unglücklich, glauben aber glücklich zu sein.
