Am 12. Mai wurde in der Nobelbar Pink Elephant in Sao Paulo eine große Sause gefeiert. Anlass dafür war die Eröffnung der Seite „elysiants.com“ in Brasilien.
Was zunächst einmal eher unspektakulär bis langweilig klingt, war in Brasilien der Ausgangspunkt zu einer großen polemischen Diskussion, die nun schon seit ungefähr zwei Wochen geführt wird.
Ausgelöst wurde diese Polemik durch einen Bericht der Zeitschrift „Época“, der auch auf den Internet-Seiten des Medien-Riesen „Globo.com“ abzurufen war und über mehrere Tage zu den fünf am meisten gelesenen Seiten in der Kategorie Gesellschaft und Politik gehörte.
Kommen wir also zunächst einmal auf diesen Artikel zu sprechen, der im Vorfeld der Eröffnungsparty erschien: Wir erfahren, dass „Elysiants.com“ ein „Orkut für die Reichen und Berühmten“ ist, eine social community im Internet „de luxo“ - Luxus. In den eigenen Worten des Anbieters handelt es sich um eine Seite für Menschen, „die das Leben mit Stil feiern“ wollen.
Der Hauptsitz des Anbieters ist in Hong Kong, Filialen gibt es bislang in Curacao, Dubai – und jetzt in Sao Paulo. Warum Sao Paulo? Zitiert wird einer der Gründer der Seite, der 34jährige Ronald de Fuente-Saez: „Es gibt viele junge Leute, die hier in letzter Zeit viel Geld gemacht haben. Sao Paulo ist die Stadt, wo sich Louis Vitton am besten verkauft. Es gibt viele Personen in Brasilien, die sich mit dem Stil unserer Seite identifizieren.“
Wir erfahren, dass in die Social Community nur Leute dürfen, die eine Einladung dazu bekommen, nach dem Motto: Wir Reiche bleiben unter uns – oder in den Worten des Artikels, die nach sehr selektiven Kriterien ausgewählt wurden. Die Mitgliedschaft selbst kostet die teilnehmenden Personen nichts, finanziert werde das Projekt durch Firmen wie Ferrari, Prada und die Champagnermarke Veuve Clicquot.
Im weiteren werden in dem Artikel Namen berühmter Brasilianer zitiert, die zur Eröffnungsparty eingeladen wurden. Aus Sicht der Celebrities wird Verständnis für die Notwendigkeit einer derartigen Seite vermittelt, weil andere Seiten wie Facebook oder Orkut zu wenig Auswahlmöglichkeiten bezüglich der Kontakte bieten würden und man mit zu vielen Kontaktwünschen überschwemmt werde. Dagegen biete elysiants.com die Möglichkeit nur mit denjenigen in Kontakt zu treten, zu denen man tatsächlich eine Affinität habe. Und dann wird geschwärmt, was für eine tolle Party das im Pink Elephant wohl werde: Die eingeladenen Gäste würden mit einem BMW abgeholt. Das Buffet werde vom Chef des Hotels Grand Hyatt zubereitet. Alles inklusive, nur für den Champagner müsse man zahlen. Wenn man einen besonders teuren Champagner kaufe, ertöne die Musik von Superman und mit einem Lichtspot werde allen Gästen gezeigt, wer den Champagner gekauft habe. Die Erlöse kämen, so der Artikel, einer Wohltätigkeitsorganisation zugute. Solange man mit den Armen persönlich nichts zu tun haben muss, dürfen sie ruhig auch essen, wenn man sich selbst den Champagner noch leisten kann – dieser Kommentar ist wohlgemerkt von mir, nicht Teil des Artikels.
Eine erschreckend unkritische Berichterstattung! Um so mehr, wenn man mal einen Blick auf die Seite wirft und liest, was für ein Hanebüchen dort getrieben wird: „Elysiants are known for their fortune. They have colonized most parts of the globe and like to travel first-class through life, consuming only the best crops of the land. They gather around haute couture, exclusive parties, high valued automobiles, yachts, real estate, charity and sheer beauty. They are the rulers of this day and age and accept mortality in the lightest possible manner.”
Die Welt in den Händen in solcher Wirrköpfe? Demokratie eine pure Illusion?
Als erstes ging mir durch den Kopf: Glauben die Leute, die sich bei dieser Seite registrieren, wirklich an diese Leitsätze – an diese Konstruktion eines Zusammenhangs von Stil, Reichtum und Macht als Grundlage für ein wahrhaftig wertvolles Leben als Obermensch? Was für ein Bild von den eigenen weniger bemittelten Mitbürgern müssen eine brasilianische Moderatorin oder ein brasilianischer Schauspieler haben, um sich für so etwas her zu geben? Menschen, die von der Anerkennung durch zahlreiche Brasilianer leben, scheren sich einen feuchten Kehricht um diejenigen, welche sie anerkennen, und halten sich für etwas Besseres?
„Most of them will be allowed as members. The others, they will not.”
Mit einem unguten Gefühl denke ich in diesem Zusammenhang an den auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnenden Elite-Diskurs: Elite-Unis, Exzellenz-Cluster, Elite-Migranten und so weiter. Aber darüber will ich mich jetzt hier nicht auslassen.
Wenn ich heute beim Schreiben noch einmal „de luxo“ lese, fällt mir eine Episode ein, die im Kontrast zum Luxus-Bild steht, das uns in Verbindung mit der brasilianischen Oberschicht vermittelt wird: Vor ungefähr zwei Jahren besuchten Fabiana und ich München. Wir aßen in einem einfachen, aber sehr guten italienischen Restaurant. Einer der italienischen Kellner, der uns Portugiesisch reden hörte, kam mit uns in Gespräch. Er heißt Salvatore und ist mit einer Brasilianerin verheiratet – er nannte sie die ganze Zeit seine „esposa de luxo“, seine Gattin als sein persönlicher Luxus. Schließlich lud er uns zu sich nach Hause ein, wo wir spontan mir ihm nach Feierabend auch hin gingen, um seine „esposa de luxo“ zu begrüßen und kennen zu lernen. Eine einfache Wohnung in einem Münchner Vorort – von Luxus keine Spur. Aber seine Frau, eine Mineira, nahm uns sofort herzlich auf und zeigte uns ihre Kochkünste. Unter anderem verriet sie uns ihr Geheimrezept, wie man Reis zubereitet. Auch nicht gerade ein Luxus-Lebensmittel, aber noch heute profitiere ich mehrfach in der Woche davon, wenn ich Reis esse. Salvatore, Deine Frau ist für mich die wahre „esposa de luxo“ – und nicht die jungen Brasilianer und Brasilianerinnen, die sich Louis Vitton leisten können und leisten müssen.
Eigentlich könnte ich jetzt abschließen. Aber das Ganze hat noch ein Nachspiel. Am interessantesten ist für mich, wie rege die Brasilianer durch den Artikel miteinander die Lage in ihrem eigenen Land diskutieren – und dabei Fragen, wie soziale Ungleichheit, Gerechtigkeit und Kontakt miteinander ansprechen. Täglich kommen zahlreiche Kommentare dazu. Im Moment, wo ich diesen Blog schreibe, gibt es schon etwa 132 Seiten voller Kommentare. Wer des Portugiesischen mächtig ist und etwas über die Innensicht der Brasilianer über Brasilien lernen will, dem sei die Seite empfohlen.
Was für ein Kontrast: Auf der einen Seite eine schwache und unkritische journalistische Berichterstattung, auf der anderen Seite eine rege Diskussion, wie sie in Deutschland kaum denkbar ist. Durch das Internet ergeben sich für die Brasilianer neue Räume von Öffentlichkeit, die weithin zugänglich sind, und die Artikulation der eigenen Identität ebenso ermöglichen, wie das Erfahren einer kritischen Grundhaltung durch Andere.
Für mich ist das die anziehende Seite Brasiliens. Nicht die vielen Neureichen und das erschreckende Gefälle zwischen arm und reich auf materieller sowie zwischen Respekt und Respektlosigkeit auf geistiger Seite, sondern die wachsenden Ausdrucksmöglichkeiten für die Bevölkerung und die damit verbundene Eloquenz der Brasilianer.
Am Anhang noch ein paar übersetzte Kommentare, um einen kursorischen Einblick in die Diskussion der Brasilianer über Brasilien zu geben:
Pedro, Rio de Janeiro:
Wir müssen verstehen, dass Brasilien voller Vorurteile ist, wenn es um Reiche und Arme geht. Alles ist so stark voneinander getrennt. Hier die Reichen, dort die Armen. Was jetzt passiert, ist für mich keine Überraschung. Orkut ist populär geworden. Etwas für die breite Masse. Seit wann wollen die Reichen das gleiche Angebot nutzen wie die Armen. Deshalb haben sie einen Platz im Internet geschaffen, der exklusiv für sie ist. Diese Art von Einstellung führt uns klar vor Augen, dass wir weit entfernt davon sind, was eigentlich näher sein sollte: soziale Gleichheit. Im Grundsatz verteidigen dies sowohl Reiche als auch Arme, aber anscheinend gehen solche Einstellungen in die falsche Richtung.
IRL Troll, Brasilia:
Wer kann, der kann. Wer nicht kann, der arbeitet (oder preist
den Heiligen Geist). Am Ende ist es so: Wer arbeitet, hat nicht genug Zeit zum Geld verdienen. Sondern kann gerade mal seine Raten abbezahlen. Lieber reich und gesund als arm und krank.
Roberto, Abdiania:
Wie lächerlich!
Kein Orkut für Reiche, sondern für geistig Zurückgebliebene,
das ist das. Leute, die daran glauben, dass 3000 Reais für einen Champagner auszugeben bedeute, das Leben zu feiern und sich dann noch darüber freuen, zur Musik von Superman von
einem Lichtspot in Szene gesetzt zu werden, können doch nur glauben, dass das Leben zu feiern, damit gleich zu setzen ist, sein eigenes Hirn aus der Hand zu geben.
Leonardo, Jaguarari
Hacker – macht Euch ans Werk! Ihr seid gefragt, um dem Festchen ein Ende zu bereiten…
Lucia, Pirassununga
Wie traurig…
Ob wohl die Erde, in der sie später begraben werden, und die Würmer, die ihr Fleisch essen werden, auch vorselektiert werden? (Lachen) Die Fans, die sie reich gemacht haben und ihren Ruhm begründen, sind nur irgendwelche Sterblichen…
Luis, Juiz de Fora
Wenn man Leute mit gleichem Lebensstil zu einer Gruppe zusammen fügt, ist das, als ob man das Haus nur mit einer Farbe streicht und dekoriert!!! Langweilig und unangenehm. Jeder weiß doch, dass das interessanteste auf dieser Welt die Diversität ist.
Ricardo, Niteroi:
Ich würde gerne wissen, ob die Besitzer der Seite wirklich großzügig sind, denn in meiner Familie gibt es eine kranke Person, die dringend Hilfe benötigt. Da ich aber weder reich noch berühmt bin, ist es für mich eine wahre Last, diese Person am Leben zu erhalten, zum Beispiel durch teuerste Medikamente wie SPIRIVA. Mein Konto ist… (im Original angegeben, T.K.)
Eduardo, Sao Paulo:
Alles hat seine pros und kontras. Das Schlimmste an dem Ganzen ist, dass die Personen in der Community sichtbarer für Entführungen werden.
Sonia, Parana:
Wenn sie reich sind und viel Geld haben, dann deshalb, weil sie es sich verdient haben. Nichts fällt vom Himmel, und am wenigsten Geld. Mit Sicherheit haben sie hart dafür gekämpft, um Geld zu haben, bestimmt haben sie auch vielen bedürftigen Personen geholfen und wohltätige Stiftungen gespendet. Leute, nichts wird uns umsonst gegeben, alles hat seinen Preis.
Kirey, Florianopolis:
Ich verstehe nicht den Volksaufstand hier… wirklich ein wahrer Mob… So war es doch schon immer. Leute, die gemeinsame Ziele haben, vereinigen sich und bestärken dadurch ihre Ziele. Wie die Philosophie sagt: Jeder in seinem Quadrat. Ich habe es nie verstanden, warum der Arme stolz darauf ist, arm zu sein. Wenn sie so belanglos sind, ist das doch ihr Problem. Ich würde gerne an dieser Community teilnehmen. Könnte die Zeitschrift nicht vielleicht meine E-Mail an einen der Teilnehmer schicken?