Liebe Kultbrasil Leser, erst einmal möchte ich mich für die verlängerte Sommerpause meines Blogs entschuldigen. Ab jetzt werde ich aber wieder in regelmäßigeren Abständen meinen „Blog do Tom“ schreiben.
Wieder einsteigen möchte ich heute mal mit einem „leichten“ Thema: dem Lachen. Genauer gesagt, einer Eigenschaft, die ich an vielen Brasilianern besonders schätze: Selbst-Humor oder die unbeschwerte Art und Weise, wie sie sich selbst auf die Schippe nehmen und mit Inbrunst über sich selbst und ihre eigene Nationalität lachen können.
Das steht keineswegs im Gegensatz zu Stolz. Ganz im Gegenteil: Am letzten Fußball-WM-Qualifikations-Wochenende war ich London und hatte ein eindrucksvolles Erlebnis.
Am Samstagabend tauchten plötzlich auf den Straßen in der City zwischen Leicester Square und Picadilly Circus an allen Ecken und Kanten Menschen in brasilianischen National-Trikots auf. Schnell kamen sie mit meiner Frau Fabiana und ihrer Schwester Fabricia, die mich in London begleiteten, ins Gespräch. Geeint wurden sie von einem Antrieb: Sie waren auf der Suche nach einer Bar, in der das WM-Qualifikationsspiel gegen den Erzrivalen Argentinien live übertragen wurde. Wohlgemerkt - das Spiel begann um 1 Uhr 30 nachts Londoner Ortszeit.
Es war gar nicht so einfach, eine Bar zu finden, denn die meisten englischen Pub-Besitzer mit Sky-Anschluss hatten nicht den Hauch einer Ahnung von dem Spiel und den damit verbundenen Einnahmemöglichkeiten. Aber die Brasilianer wären keine Brasilianer, wenn sie sich damit zufrieden gegeben hätten. Schnell wurden auf der Straße zwischen den eben erst Kennengelernten Handy-Nummern ausgetauscht, man trennte sich wieder und suchte in verschiedenen Winkeln weiter. Wer zuerst fündig werden sollte, wurde mit dem Anrufen beauftragt.
Lange fanden wir nichts, doch dann nach vielen Fragen auf der Straße erhielten wir von einem Rikscha-Taxifahrer im Brasilientrikot einen entscheidenden Tipp, riefen unsere neuen Freunde an und fanden uns schließlich in einer Warte-Schlange wieder: Das Spiel wurde in einer großen Sport-Bar mit über 20 Flachbildschirmen auf zwei Etagen live übertragen – und die Bar war so gerammelt voll mit ein paar argentinischen und deutlich mehr brasilianischen Fans, dass kein Einlass mehr war. Mit etwas Glück und Geschick kamen wir schließlich doch rein – und Ihr könnt Euch vorstellen, was das für ein Freudenfest wurde, als Brasilien in Argentinien mit 3:1 gewann…
Soweit ein kleiner Ausflug zum Kapitel Stolz auf das eigene Land. Aber jetzt zurück zum eigentlichen Thema: Dieser Stolz steht bei vielen Brasilianern, die ich kenne, nicht der Fähigkeit im Wege, herzhaft über sich selbst und die eigene Nation zu lachen. Und so lange es nicht abschätzig ist, auch die Einladung an Nicht-Brasilianer, ausgiebig mit zu lachen. Ein besonders beliebter Anknüpfungspunkt ist das Spiel mit der Sprache.
Wer Brasilianer in Deutschland kennt, weiß um die Schwierigkeiten mit dem Deutsch. Ein „r“ am Anfang des Wortes klingt oft wie ein „h“, Umlaute werden ignoriert, das „e“ am Ende klingt wie „i“, und harte Konsonanten werden aufgeweicht. Wörter, die zu kompliziert klingen, werden einfach durch brasilianische ersetzt. Was entsteht, ist eine Sprachmischung, die meines Erachtens manchmal melodischer und angenehmer klingt als das deutsche Original – und auf jeden Fall viel Potenzial für Späße und Lachen birgt. Und zum Spielen anregt- nicht von ungefähr ist Sprachjongleur Zé do Rock ein Brasilianer.
Auf Funkhaus Europa gibt es jede Woche einen Beitrag, der systematisch mit dem brasilianischen Akzent spielt. Funkhaus Europa ist ein Radiosender, der in Berlin, NRW und Bremen ausgestrahlt wird, und eine Alternative zum amerikanisch-deutschen Mainstream bietet. Was heraus kommt, ist oft eine Musikmischung zwischen türkischer und brasilianischer Musik, durchbrochen von Balkan-Beats, als Gestalt nicht immer ganz eingängig, aber doch auf jeden Fall anregend und hundertmal angenehmer und erträglicher als irgendwelche Morgen-Männer, die zwischen kreischender Werbung auf Gedeih und Verderb mit krampfhaft aufgesetzter, dümmlich daher kommender guter Laune einpeitschen. Und dieses Funkhaus Europa bietet die Serie „Neues aus dem Fathiland“ – sie beginnt immer mit „Ich bin Joaaaaaauuuuuu“, und ein Brasilianer nimmt sich, seine und die deutsche Sprache sowie aktuelle Ereignisse oder einfach nur typische Verständnisschwierigkeiten im Alltag auf die Schippe. In dieser Woche geht es zum Beispiel um die Empfehlung, durch Pipi-Machen in der Dusche den Regenwald zu schützen. Auch die Fähigkeit zur Ironie wird von Joao auf’s Korn genommen.
Manchmal geht es aber auch nur um das Wetter, zum Beispiel:
Guten Tag. Ich bin Joaaaaaauuuu. Jetzten in diesen tagen all loit heden von dem wetter, ne, die sagt den wetter ist gutsch oder den wetter ist schlech oder jetzt ist den hegen oder is total heissi, immer den ganzen tag die loit mag das, ne? Die ander tagen den wetter war total complicado, ne, es war wetter total especial, guck mal, der himm el war total dunk el und es war total wolki aber den hegen kam nein. Die alle loit sind so wart zu den hegen kam hunter aber der hegen kommt nein. Und dann so ein ganz ein komisch so ein hitzi. Und ich denk ok jetzt wie all warten und dann mein froind hahald sagt hey joao, den wetter is total schwul. Und ich denk: was das? Hahald, wahun, wahun den wetter is homosexuau? Wahun? Vielleicht in Colonia, aber das ein geschicht ander. Und den Hahald kuckt für mir wie ein auto, aber nich so schnell, und er versteht mir auch nein. Ne? Und wir sitz da und kuck für ein ander und wir sind am heden und dann plotzlichen da kommt den hegen hunter von dem himm el. Und ich denke gott sei danki, jetzt den wetter is nich mehr schwuli, jetzt is nassi. Super, ne?
Wer das brasilianische Deutsch schätzt oder gerne mit der Sprache spielt, dem sei diese Serie ans Herz gelegt. Man kann sie auch im Internet als „Podcast“ runterladen, und zwar unter folgendem Link: http://www.podcast.de/podcast/12483/Stimmen_aus_dem_Fatihland_im_Funkhaus_Europa
Meine brasilianischen Freunde amüsieren sich aber auch gerne über Probleme im Zusammenhang mit ihrer eigenen Sprache. In diesem Zusammenhang gibt es einige Videos, die man bei youtube sehen kann, die zu den absoluten Favoriten gehören und gerne immer wieder angeschaut werden. Da haben wir zum Beispiel „As arvores somos nozes“ – in der sogar mit Cartoons unterlegten Fassung: http://www.youtube.com/watch?v=JqIeVYIUKxk
Worum geht es? Mit Engelsgeduld versucht eine Logopädin einem Brasilianer die Aussprache von „árvores“= „Bäume“ und „nos“ = „wir“ beizubringen. Der Originaltext lautet: „O jardineiro é Jesus. E as árvores somos nós.“ (Jesus ist der Gärtner, und wir sind die Bäume). Der arme Hilfesuchende wird aber immer nervöser, lacht über sich selbst und verhaspelt sich, wo er nur kann. Am Ende werden wir zu Nüssen (nozes).
Dieses Video ist inzwischen ein derartiger Klassiker in der brasilianischen Community geworden, dass viele Brasilianer es nachgespielt und unzählige Kopien und Adaptionen ins Netz gestellt haben,wie etwa die Version „cachaça“ (Zuckerrohrschnaps) oder „ein Türke versucht, as árvores somos nozes“ zu sagen oder „die Version für Kids“.
Immer wieder gern gesehen ist auch der Versuch von Dona Sônia ,“www.youtube.com“ (iutubiu) auszusprechen: http://www.youtube.com/watch?v=sDtnUVY7ABw&feature=related
Dieses Video machte Sonia landesweit berühmt und brachte sie in verschiedene TV Shows, z.B. als Gesangs-Imitatorin in einer der beliebtesten Unterhaltungssendungen (Caldeirao do Huck) und als Interviewpartnerin in der Talkshow von Ratinho.
Wenn man sich die Nachfolge-Videos anschaut, die mit Sonia gedreht wurden, bekommt der gelobte Selbst-Humor der Brasilianer freilich auch eine Schattenseite für mich. Denn er schlägt manchmal auch um in Lachen über die ignoranten Anderen – und schon nehmen die imaginierte Überlegenheit und die Konstruktion von Sub-Brasilianität als Wegbereiter der sozialen Ungleichheit ihren Weg.
Aber damit will ich es an dieser Stelle mit der Sozialkritik bewenden lassen. Beliebt sind noch viele andere Videos, etwas „caçete de agulha“, bei dem ein brasilianischer Mann zum Blutspenden geht und erst ganz machohaft betont, wie leicht und selbstverständlich alles ist, ja sogar für das Blutspenden wirbt, schließlich aber doch schmerzverzehrt das Ganze verflucht (http://www.youtube.com/watch?v=e9ZKCBXwrqQ&feature=related) – inzwischen wurde die Szene für eine Funk-Musik genutzt (http://www.youtube.com/watch?v=BJGbtz48xcw).
Oder das durch eine Rückkopplung ausgelöste dauerhafte Doppel-Stottern einer Nutrionistin während eines Live-Interviews auf dem Kanal Globo: http://www.youtube.com/watch?v=hl5MEcIrsHU
Wer auf eines der genannten Videos klickt und des Portugiesischen zumindest ein bisschen mächtig ist, kann sich munter durch die vielen ähnlichen Videos klicken und wird sicher einiges finden, was zumindest ein Schmunzeln auslöst.
Gesellschaftskritisch und sarkastisch geht es bei Kibeloco (http://www.kibeloco.com.br) zu – manchmal auch jenseits meiner Geschmacksgrenzen, nicht selten doof, aber zum Teil auch durchdacht und witzig. Hier werden auch tagespolitische Ereignisse und soziale Geschehnisse in Brasilien verulkt – neben der Verhohnepiepelung der tagtäglich laufenden Episoden der Telenovelas.