Mich hat der Absturz der Air France Maschine von Rio nach Paris schwer mitgenommen. Schon oft bin ich auf dieser Route mit Air France geflogen – und nicht nur ich, sondern auch Freunde und Familie. Ich hatte gerade einen Langstreckenflug hinter mir, als ich von der Nachricht erfuhr. Ich war geschockt und bin es immer noch. Um so mehr, als wir erfuhren, dass mindestens ein Kultbrasil Leser, mit dem wir ein paar Tage vorher noch Mails ausgetauscht hatten, mit Sicherheit in der Maschine gesessen hatte. Tod, Trauer und Trauma erschienen näher als sonst , und bei all den Gedanken an Unglück ist meine bloggerische Schaffenskraft eine Zeitlang zum Erlahmen gekommen.
Ich will aber mit diesem Blog nicht noch mehr dicke Luft verbreiten als im Moment schon am Himmel der Brasilien-Interessierten und Reisenden ist. Vielmehr will ich auf einen Lichtblick hinweisen, der uns auf andere Gedanken bringt und uns Anlass gibt über die Schönheit, Vielfalt und Faszination Brasiliens zu diskutieren.
Das Handelsblatt hat in den letzten drei Wochen im Rahmen einer Sonderserie viele Hintergrundartikel zu Brasilien veröffentlicht. Alle Artikel sind kostenlos online abrufbar: http://www.handelsblatt.com/grid,brasilien,5,2220842
Wir erfahren viel über die Wirtschaft Brasiliens und ihre führenden Köpfe. Es geht aber auch um Künstler und Politiker. Es sind sehr viele interessante Informationen enthalten, die insbesondere dem langjährigen Korrespondenten Alexander Busch zu verdanken sind. Man mag über die eine oder andere wirtschaftsnahe und großkapitalfreundliche Deutung diskutieren wollen, insbesondere wenn man die Porträts der Unternehmer liest. Aber kritische Literatur gibt es anderer Stelle für den Brasilien-Interessierten - mir ist dagegen nicht bekannt, dass es eine derart gebündelte und gleichzeitig allgemein verständliche und durchdachte kompakte Darstellung zu Brasiliens Wirtschaft gibt. Den Kultbrasil Lesern sei deshalb die Serie empfohlen!
Als roter Faden zieht sich der Blick auf ein neues, international konkurrenzfähiges und gut aufgestelltes Brasilien. Angenehm als Gegenpol zu der alten Sichtweise von Brasilien als teilweise zurückgebliebenem und hinterher hinkendem Land. Eine optimistische Sichtweise, welche das Potenzial des Landes betont – und dessen neues Gewicht in der Welt. Schon allein, dass das Handelsblatt diesem Land eine dreiwöchige Serie gewidmet hat, verdeutlicht dies. Busch und Münchrath fassen diese Sicht auf Brasilien folgendermaßen zusammen:
„Ein Brasilien, das seinen ungeheuren Rohstoffreichtum endlich effizient nutzt, um auch andere Wirtschaftszweige aufzubauen. Ein Brasilien, dessen Unternehmen sich aufmachen, die Weltmärkte zu erobern, und dessen Regierung in der internationalen Politik wieder mitmischt. Und nicht zuletzt ein Brasilien, das endlich das Problem seiner horrenden Einkommensgegensätze anpackt und das Potenzial seines Binnenmarktes entdeckt.“
Sie unterlegen ihre Thesen durch einige Fakten, zum Beispiel die folgenden: Brasilien verfügt heute über mehr als 200 Milliarden US$ Währungsreserven. Die beiden größten Banken Brasiliens Itaú-Unibanco und Bradesco haben beide heutzutage eine höhe Marktkapitalisierung als die Deutsche Bank. Und Brasilien hat nach über 80 Jahren die USA als größter Handelspartner Chinas abgelöst.
In Deutschland wird die Rolle Brasiliens vielfach unterschätzt. Wer weiß hier schon, dass mit Embraer einer der größten Flugzeughersteller seinen Sitz in Brasilien hat? Bei Rio denkt hier jeder – und natürlich mit gutem Recht – an Rio de Janeiro, aber wer kennt schon den brasilianischen Giganten Vale do Rio Doce? Und liebe Grillfreunde, schon mal etwas von Brasil Foods gehört? Und kennt Ihr den reichsten Mann Brasiliens? Er spricht Deutsch und ist ein Studienabbrecher, denn er hat das Studium der Ingenieurswissenschaften in Aachen geschmissen.
Nach dem Lesen der Handelsblatt-Serie wisst Ihr mehr. Auch über Kultur und Wissenschaft erfahren wir darin mehr. Brasilianische Musikfreunde kennen vielleicht Carlinhos Brown. Ich wusste zwar, dass er auch als Produzent tätig ist – wie groß sein Wirkungskreis aber ist, war mir vorher nicht bewusst.
Wie gesagt, für ein abgerundetes Bild über Brasilien fehlen mir kritische Stimmen und ein Blick, der nicht nur auf die Bildungs- und Wirtschaftselite gerichtet ist, sondern auf die alltägliche Lebensführung vieler Brasilianer. Aber selbst als Brasilien-Kenner habe ich bei der Serie viel gelernt und freue mich über den Ansatz, Brasilien als ein modernes Land zu begreifen und nicht als einen Nachzügler, der hinterher rennt und nachmacht. Dafür kann ich es auch nachvollziehen, dass auf die uns bekannteren kritischen Stimmen bewusst verzichtet wird, um eine klare Botschaft an den Leser zu bringen: Brasilien inspiriert – und nicht nur durch Samba, Musik und Fröhlichkeit. Auch in Bezug auf Investitionen, Produktentwicklung, Marketing und Marktforschung ist Brasilien interessant und rückt zunehmend in den Mittelpunkt des globalen Interesses. Die Deutschen hinken dabei allerdings in den letzten Jahren zu sehr hinterher, und sie sind es, die aufpassen müssen, nicht den Anschluss zu verlieren.
Zum Schluss, in guter alter Tradition des Blog do Tom, wieder ein paar Zitate – als Ausschnitte aus der Serie:
„Brasilien hat sich in den letzten Jahren gewandelt wie kaum ein anderes Land. Der ewige Hoffnungsträger hat erstmals Chancen, sein großes Potenzial voll auszuschöpfen, und steht zu unrecht im Schatten von China und Indien.“ (Alexander Busch / Jens Münchrath)
"Korruption ist ein weltweites Problem und nicht auf Brasilien beschränkt. Ich denke sogar, dass die
Korruption dank zunehmender politischer Stabilität bei uns abnimmt." (Eike Batista)
"Ob meine Aktien 18 Milliarden oder sechs Milliarden Dollar wert sind, das ändert nichts an meinem Leben.“ (Eike Batista)
"Wir sind im Vergleich zu den anderen großen Emerging Markets privilegiert. Unsere Demokratie ist etabliert. Wir haben eine freie Presse und politische Parteien. Wir sprechen eine Sprache und besitzen eine nationale Identität.“ (Luiz Fernando Furlan)
„Ich bin ein Dienstleister. Ich bringe Menschen zusammen und unterhalte sie. Das sind Fähigkeiten, die wir Brasilianer der Welt anzubieten haben. Wir schaffen Räume und Gemeinsamkeiten, wo es keine gibt.“ (Carlinhos Brown)
„Die Markenkonzerne suchen jemanden wie uns Brasilianer. Wir schaffen
ihnen >communities<, die es sonst nicht gibt.“ (Carlinhos Brown)
„Man kann Erfolg haben in der Welt, ohne aufzuhören, Brasilianer zu sein.“ (Carlinhos Brown)