Blog do Tom

Mein erster Tag in Brasilien

 

Es war im November 1997. Ich konnte nur ein paar Brocken Portugiesisch. Die Entscheidung zur Reise war sehr spontan gefallen, sodass ich mich nur wenig vorbereitet und auch kaum etwas im Vorfeld organisiert hatte.

 

Ich bin nach São Paulo geflogen und habe mich von dort mit dem Bus auf dem Weg nach Florianópolis im Süden des Landes gemacht. Um dorthin zu kommen, musste ich aber in Curitiba umsteigen. Es war eine der faszinierendsten Reisen, die ich je gemacht habe. Ich erinnere mich noch heute, wie ich gestaunt habe, als ich aus dem Fenster geschaut habe. Brasilien hatte einen anderen Geruch als Deutschland, ich tauchte wonnig ein in ein wärmeres Klima ein und war fasziniert von den Farben, insbesondere vom intensiven Grün der vielen, dichten Bäume auf den Hügeln. Aber auch sehr überrascht, wenn nicht sogar etwas entsetzt, von den Schildern am Wegesrand in deutscher Sprache: deutsches Brot, deutsches Bier etc.

 

Der Bus geriet immer wieder in Staus. Aber es war eine gänzlich andere Atmosphäre als in Deutschland. Sobald der Verkehr stockte, stiegen alle Insassen aus und plauderten. Ich konnte zwar nur ein paar Wörter Portugiesisch, aber meine nette Nachbarin gab sich redliche Mühe, mich in die Gespräche einzubeziehen. Sobald einer der Reisenden am Horizont erkannte, dass es weiter ging, gab er das Signal und wir rannten schnell zurück in den Bus. Es hatte etwas sehr Spielerisches. Der Fahrer drückte mächtig auf’s Gaspedal, um sich rechts und links an den Autos vorbei zu schlängeln, deren Fahrer noch nicht erkannt hatten, dass es eine Chance gab, weiter voran zu kommen. So ging es ein paar Mal hin und her.

Schließlich kamen wir mit starker Verspätung in Curitiba an. Der letzte Bus nach Florianópolis war bereits auf dem Sprung und sollte bald abfahren. Ich hatte nur noch fünf Minuten, mein Ticket zu kaufen. Aber ich hatte noch keine brasilianischen Reais bei mir, sondern nur ein paar US Dollars. Die akzeptierte der Busfahrer aber nicht.  Die junge Frau, die neben mir im Bus gesessen hatte und mir während der Fahrt sogar ihr Fotoalbum mit ihrer Familie gezeigt hatte, wies mir schnell den Weg zu einem Geldautomaten um die Ecke und begleitete mich. Leider funktionierte er aber nicht. Das hieß: Ich war aufgeschmissen.

 

Da gab mir meine Busnachbarin, die ich ja eigentlich gar nicht richtig kannte, das Geld für das Ticket. Natürlich biet ich ihr, überglücklich, den Gegenwert in Dollars an.  Wir kannten aber beide nicht den Wechselkurs , fackelten aber nicht lange. Ich gab ihr eine geschätzte Gegenleistung in Dollars, zum Glück war es nicht zu wenig, wie ich nachher feststellte. Sie rannte mit mir zum Bus, kaufte mein Ticket und zog erst von dannen, als ich beruhigt im Bus saß und ihr aus dem Fenster heraus zu winkte.

Ich bin sicher, wenn ich den Bus verpasst hätte, hätte sie mir auch bei ihren Eltern in Curitiba kostenlos Unterkunft verschafft. Das ganze hatte keinen strategischen Hintergrund auf ihrer Seite. Wir haben in der Eile nicht einmal Adressen oder Telefonnummern ausgetauscht, und ich habe sie nie wiedergesehen. Aber sie hatte sicherlich eine wichtige Rolle in meinem Leben:  ein Startschuss für meine Liebe zu Brasilien.

 

In Florianópolis kam ich schließlich viel später als erwartet, nach einer nunmehr fast zweitägigen Reise, müde und erschöpft  an. Es war kurz vor Mitternacht, und ich hatte im Vorfeld keinerlei Unterkunft gebucht. Zum Glück  hatte ich vor der Reise über das damals noch sehr junge Medium Internet ein paar sehr gute Gespräche mit einer Frau aus Florianópolis gehabt, von der ich aber noch nicht einmal das Gesicht auf einem Foto gesehen hatte: Ana Lúcia. Sie hatte mir unter anderem ein paar Fotos von der Insel geschickt und mein Interesse für die vielfältige Kultur Brasiliens geweckt. Zu meiner großen Freude hatte sie dort vier Stunden auf dem Busbahnhof auf mich gewartet, bis ich angekommen war und organisierte dort alles Weitere.  Kein Wort des Beklagens, kein Zeichen von Genervtsein, keine versteckten Vorwürfe, sondern nur Lachen, Strahlen und Hilfsbereitschaft.

 

Was für eine überwältigende Aufnahme durch die Brasilianer!

 

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