Es ist der 11. Juli 2010.
Der Sommer hat endlich Einzug gehalten, und Millionen Menschen sind nicht mehr zu halten. Sie springen, jubeln und jauchzen. Soeben ist in der Nachspielzeit des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft das Siegtor gefallen.
Deutsche Fahnen wehen überall, zwei Blondinen mit aufgepinselten Fähnchen an den Wangen liegen sich in den Armen, und mein Nachbar gröhlt vor Freude und schüttet Bier auf mich. Egal, denn WIR sind Weltmeister. Endlich. Und was für ein Tor von unserem Landsmann, UNSEREM neuen Helden, der unsere Geschichte prägen wird wie Helmut Rahn oder Franz Beckenbauer. Dabei kennen wir nicht einmal seinen richtigen Namen, aber sei’s drum: Cacau schießt unser Einwanderungsland zum ersten WM Titel im neuen Jahrtausend.
Was für eine Sensation! Und so mancher Fan reibt sich am nächsten Tag die Augen am verkaterten Schädel und fragt sich, was er davon halten soll, wie sich Deutschland quasi über Nacht verändert hat.
Und unser Gegner? Der hat das Ganze wohl noch nicht richtig begriffen, oder? Beansprucht doch die Presse am nächsten Tag den Titel für sich: „Brasilianer sichert mit Traumtor den WM-Sieg“, steht es in den Gazetten. Was heißt hier Brasilianer? Unseren Cacau geben wir nicht her – und vielleicht sollte er sich zu seiner eigenen Sicherheit wohl auch nicht in Brasilien blicken lassen.
Ob er wohl glücklich ist? Bestimmt! Meine brasilianische Frau jedenfalls ist sauer. Verächtlich guckt sie mich an und sagt: „IHR müsst Euch Eure Spieler wohl einkaufen, weil EUER Talent nicht ausreicht.“
Ich erinnere mich, wie ich im brasilianischen Fernsehen ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft gesehen habe und der Kommentator, Galvao Bueno, sich über die Deutschen lustig machte und ihnen lediglich technische Präzision zugestand, aber keinen Spielwitz: „Ich weiß nicht, was das ist – aber Fußball spielen sie jedenfalls nicht“, sagte er damals, als die Deutschen den Ball mehrfach hin und her schoben. Jetzt sind WIR Weltmeister, und meine Frau muss sich mit dem zweiten Platz begnügen. Dank unserem Cacau. „Willkommen in 2010“, sage ich ihr und setze ein süffisantes Gewinner-Lächeln auf.
Es ist der 11. Juli 2010.
Ein schwüler Tag neigt sich dem Ende zu. Es war mal wieder eines dieser Endspiele, bei dem keiner ein Risiko eingehen wollte. Sicher, ein paar spannende Szenen waren dabei, und nervenaufreibend ist diese Warterei sowieso. Bis ins Endspiel haben wir es geschafft, wer hätte das zu Beginn der Weltmeisterschaft gedacht? Und jetzt haben wir sogar Brasilien ein Unentschieden abgetrotzt.
Elfmeterschießen. Da haben wir die besseren Chancen, da werden die Südamerikaner bestimmt nervös, und wir können uns auf unsere deutschen Tugenden berufen. Präzision, Galvao, jetzt höre ich Dich gerne.
Aber die Brasilianer haben Dunga, und der hat zu lange in Deutschland gelernt. Haben doch tatsächlich alle fünf Schützen getroffen. Naja, wir haben ja schließlich auch alle Bälle versenkt. Jetzt noch den fünften rein, und den nächsten hält Neuer dann bestimmt. Tim Wiese hätte schon den letzten Schuss von Lucio gehalten, aber sei’s drum. Und wer schießt jetzt? Cacau? Oh Mann, wenn das man gut geht. Die beiden Blondinen mit den aufgepinselten Fähnchen neben mir wirken wie eingefroren, aber zum Freudenprung bereit. Mein Nachbar schreit sich seine Spannung aus dem Bierbauch und schüttet Bier auf mich. Aber sei’s drum , schließlich ist es der Höhepunkt der WM – und wenn alles gut geht, sind wir in zwei Minuten Weltmeister.
Komm Cacau, hau die Pille rein, zeig‘ es den Brasis. Denk daran, wie Du aus der Juniormannschaft von Palmeiras raus geflogen bist, und lass die Wut mit Deinem Fuß sprechen. Schieß‘ so hart, dass es das Tornetz zerreißt.
Und Cacau läuft und schießt und – drüber! Über das Tor. Das Spiel ist aus. Unglaublich. Brasilien ist schon wieder Weltmeister, und wir waren doch so dicht dran. So eine Sch...
Ausgerechnet im Elfmeterschießen. Gegen Brasilien zu verlieren, ist keine Schmach, aber im Elfmeterschießen? Totenstille auf dem Marktplatz. Nur ein paar Brasilianer jubeln. Ausgerechnet Cacau. Ob er das absichtlich gemacht hat? Hat er nicht neulich in einem Interview noch gesagt, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, um seinen Kindern bessere Chancen zu eröffnen? Dass er aber nie aufhören wird, Brasilianer zu sein? Da haben wir den Salat. Vielleicht war es nicht absichtlich, aber hat er sich vielleicht doch tief in seinem Herzen blockiert gefühlt?
Jetzt ist Brasilien jedenfalls Weltmeister, und vielleicht wird er ja abends zur Party eingeladen. Seine Familie jubelt bestimmt jetzt in Brasilien, vielleicht nicht seine Mutter, aber seine Cousins bestimmt. Warum hat Joachim Löw nicht lieber Kießling spielen und schießen lassen? Der hat seine Wurzeln jedenfalls hier – und hätte bestimmt besser die Tradition nervenstarker deutscher Elfmeterschützen verkörpert. So ein Mist. Hoffentlich kommt es jetzt nicht zu Randalen.
Und die brasilianische Presse? Schweigt das Ganze tot. Cacau wird zur Randnotiz. Sicher, er ist Brasilianer, aber wollte er nicht nach Deutschland? Immerhin hat er es ins Endspiel geschafft. In Brasilien hätte er es nicht mal ins B-Team gebracht, und jetzt ist er immerhin Vize-Weltmeister. So sind wir Brasilianer eben, tönt es nicht nur durch die Gazetten: Wir haben Talent für 10 Teams und noch mehr. Und wenn Brasilien mit vier Mannschaften antreten dürfte, würden bei einem normalen Turnierverlauf alle vier Mannschaften den Sieger unter sich aus machen. Wer in Brasilien geboren wird, ist gesegnet. Denn Gott ist Brasilianer. Noch Zweifel?
Meine brasilianische Frau jedenfalls ist außer sich vor Freude. Vergessen ist all das Gezeter über Dunga und die seltsame Auswahl an Spielern im Vorfeld. Brasilien hat sich endlich zurück geholt, was ihm gehört: den Weltpokal.
„Siehst Du?“, grinst sie mich überlegen an. „Das ist Brasilien.“ Und dann zögert sie, ob sie es wirklich sagen soll, nur um mich ein bisschen zu ärgern. Obwohl und gerade weil sie weiß, dass es politisch nicht korrekt ist. Doch natürlich behält sie es nicht für sich: „Und wir brauchen keine Talent-Importe. Und kein scheinheiliges Bild von Integration, das nur eine Fassade ist.“
Es ist der 11. Juli 2010.
Der Regen hat sich endlich verzogen. Verdammt nass der Boden, und alles klebt, ist glitschig und glibberig. Die Deutschland-Fähnchen auf den Wangen der beiden Blondinen neben mir sind längst verwaschen, und doch harren alle aus.
Es läuft die 65. Minute im Endspiel der Fußball-WM, und Deutschland liegt 1:2 gegen Argentinien zurück. Noch ist alles drin, aber es wird verdammt schwer. Mein Nachbar neben mir ist total nervös und sehnt sich nach Erfolg. Als Klose eben eigentlich nicht einmal den Hauch einer Chance hatte, sondern nur mal den Ball Richtung Tor kullern ließ, sprang er schon mit dem Torschrei auf den Lippen in die Lüfte. Dabei flog die gefühlte Hälfte des Inhalts seines Plastik-Bierglases auf mein Hemd, aber sei’s drum, das ist sowieso schon klitschnass vom Regen, und es ist das WM-Endspiel, und unsere Mannschaft braucht unsere gemeinsame Unterstützung.
Dafür ist sogar meine brasilianische Frau mitgekommen, die nun schon seit einigen Jahren mit mir in Deutschland lebt. Demnächst wird sie übrigens den Einbürgerungstest machen. Dann können wir endlich gemeinsam nach New York fliegen, ohne eine Visum beantragen zu müssen. Heute zeigt sie wirklich, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen, die ganze Zeit schon unterstützt sie unser Team mit ihren Anfeuerungsrufen.
Und jetzt fängt sie richtig an zu jubeln. Denn Cacau wird für Klose eingewechselt, und das gefällt ihr. Und tatsächlich, was für eine Flanke von Lahm, und Cacau steht alleine vor dem Tor, und? Tooooooooooooor. 2:2, wir liegen uns in den Armen.
Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Messi und Milito machen ganz schön Druck, aber zum Glück passt Mertesacker hinten auf. Und dann fängt meine Frau plötzlichen an, ganz flippig auf und ab zu springen und immer lauter werdend zu schreien: Vai, vai, vai, vai – und gerade sehe ich noch, wie Cacau einen elegangten Haken schlägt, um den Ball am Torhüter vorbei über die Torline zu schieben. Goooooooooooooooooool! Unglaublich. 3:2!
Der ganze Marktplatz steht Kopf, alle hüpfen, schreien und planschen in den Pfützen, die sich von Sekunde zu Sekunde mehr und mehr mit Bier aus tausenden von in die Luft gerissenen Plastikgläsern mischen. Dann endlich der Schlusspfiff. Wir sind Weltmeister! Und während ich meine Frau fest an mich drücke, sehe ich auf der Großbildleinwand, wie Cacau und Neuer sich umarmen.
Später wird Günter Netzer schwärmen, dass die Vereinigung deutscher Tugenden und südamerikanischen Spielwitzes sich ausgezahlt hat. Aber zum Glück höre ich das nicht mehr, weil ich mit meiner Frau und vielen Anderen am Feiern bin. Klischees hin oder her, Cacau – das waren echt zwei Supertore.
Und die brasilianische Presse? Wen stört es schon, dass sie ein bisschen vom Ruhm abhaben möchte. „Brasilianer rächt die selecao und erkämpft den WM-Titel im Alleingang“ titelt sie. Cacau ist der lebende Beweis: Brasilien ist und bleibt der ewige Fußball-Weltmeister. Eigentlich würden sie den Titel immer gewinnen, wenn nicht immer mal wieder Widrigkeiten den brasilianischen Fußball-Geist von seiner Entfaltung abhalten würden. Wie war das mit den Geldkoffern brasilianischer Spieler nach der Rückkehr aus Frankreich? Und die faulen Säcke, die in Deutschland nicht einmal mehr gekämpft haben und sogar nach dem Spiel Trikots mit den Franzosen getauscht haben. Und dieses Mal? Ausgerechnet im Halbfinale gegen Argentinien zu verlieren – das ist die Höchststrafe. Und wer ist schuld? Natürlich Dunga! Wie kann man zum Beispiel Alexandre Pato zu Hause lassen und statt dessen Grafite nominieren? Aber zumindest ist jetzt nicht Argentinien Weltmeister geworden, sondern Cacau.
Ach, übrigens: Der 11. Juli ist noch nicht da. Und ich bin nicht ich, und meine Frau ist nicht meine Frau. Oder doch? Und was heißt wir? Was macht uns zu uns? Wann sind wir und wann nicht? Und sind wir nicht auch ein bisschen Argentinien?
Am 11. Juli wissen wir mehr. Zumindest für Sekunden.