Blog do Tom

Orkut in Brasilien und die Brasilianisierung der Welt dank eines türkischen Vornamens…

Wenn man das zeitgenössische  Brasilien verstehen will, führt an Orkut kein Weg vorbei. Wer oder was ist Orkut? Für Aufklärung sei gesorgt: Orkut ist der Vorname eines türkischen Angestellten von Google: Orkut Büyükkokten. Als der gute Orkut im Jahr 2004 im Rahmen seiner Tätigkeit bei Google eine Social Community Seite entwickelte und sie in aller Bescheidenheit unter seinem Namen ins Netz stellte, hätte er wohl nicht im Traum daran gedacht, was heute tagtägliche Alltagswirklichkeit ist: Sein Vorname flimmert wohl häufiger über die Bildschirme in Brasilien als jeder andere Name, seien es Lula, Barack Obama oder Ronaldinho Gaúcho.

Selbst in den Internet-Cafés in der Peripherie von brasilianischen Mega-Städten -  Orkut ist omnipräsent. Ob er seinen Namen wohl wieder erkennen würde, wie die Brasilianer ihn aussprechen? Orkutschi…

Orkut in Brasilien ist mehr als hierzulande StudiVZ oder Facebook. Orkut hat einen festen Platz in der brasilianischen Gesellschaft. Über Orkut wird nicht nur kommuniziert, über Orkut wird auch berichtet – immer wieder bezieht sich etwa die brasilianische Medienmacht Globo darauf, was bei Orkut diskutiert wird.

Orkut ist die in Brasilien neben Google meist besuchte Seite. Etwa 50% aller weltweiten Orkut-Nutzer kommen aus Brasilien. Eine starke Bedeutung hat Orkut außerdem in Indien.  Dagegen hat sich Orkut in den USA und anderen angelsächsischen Ländern nicht gegen Facebook, MySpace oder Friendster durchsetzen können. Dazu mag auch der „Brazilian Takeover“ beigetragen haben: In den Anfangszeiten von Orkut gab es bei den englischsprachigen Nutzern heftige Wutäußerungen darüber, dass so viel in einer anderen Sprache als Englisch diskutiert wurde. Die Brasilianer strömten in Massen in die Community, so dass Portugiesisch immer mehr zur dominierenden Sprache von Diskussionen wurde.

Interessant ist zu beobachten, wie Google darauf reagiert hat. Hierzulande weiß kaum jemand, dass es Orkut gibt und noch weniger, dass Orkut als Social Community zu Google gehört. Google schien der Ansturm durch die Brasilianer lange Zeit nicht recht geheuer zu sein – zumindest hierzulande wurde Orkut nicht offensiv als Bestandteil des Google-Portfolios kommuniziert. Trotzdem gehört Orkut in Folge seiner Attraktivität in den bevölkerungsstarken Ländern Brasilien, Indien und Iran zu den 50 weltweit am häufigsten besuchten Websites, sodass die Seite auch für Google ein enormes Potenzial hat. Letztes Jahr nun zollte Google der durch die Nutzer geschaffenen Wirklichkeit Tribut: Die Führung und Verantwortung für Orkut wurde von der Zentrale in den USA an Google Brasil abgegeben.

In Brasilien kennt fast jeder, der unter 40 Jahre alt ist, Orkut.  Über 30 Millionen Brasilianer haben ihr eigenes Profil. Wortschöpfungen mit Orkut sind sogar in die brasilianische Sprache eingezogen, so zum Beispiel: orkuticido – in Anlehnung an den „suicidio“, den Selbstmord seines eigenes Profils.  Armer Orkut B. – auch dass sein Name zu einem Begriff für Web-Selbstmord werden würde, hatte er sicherlich nicht im Sinn, als das von ihm entwickelte Projekt das Cyberlicht der Welt erblickte und über die Bildschirme der Welt zu flimmern begann. Und schlimmer noch: Orkut ist auch Objekt des Missbrauchs geworden – zum  Drogen- und Waffenhandel  etwa. Aber seien wir nicht so reißerisch und gemein zu unserem Websiteentwickler Orkut.  Ziehen wir lieber den Hut: Denn vor allem ist Orkut ein fester Bestandteil im Alltag der Brasilianer: Fotos werden ins Netz gestellt, sodass Freunde sehen können, was man erlebt hat. Fotos werden kommentiert. Man schickt sich Nachrichten. Und vor allem: Man schließt sich einer der unzähligen Communidades an, wo man Gleichgesinnte findet, Freundschaften schließt, ernsthaft miteinander diskutiert oder schlicht und einfach Faxen machen und Blödsinn reden kann.

Orkut ist aber kein Phänomen, das sich nur in Brasilien findet. Es wird von den Brasilianern in die Welt getragen. Überall in der Welt gibt es lokale Communidades wie „Brasilieiros em Hamburgo“, „Brasileiros em Leipzig“, „Brasileiros em Melbourne“ etc. Brasilianer und Einheimische verabreden sich in diesen Communities und diskutieren aus einer brasilianischen Perspektive, was in der Region passiert. Willst Du, lieber Leser, in Bälde in irgendeinen hinteren Winkel der Welt fliegen und bist neugierig, was man dort wohl erleben oder unternehmen könnte? Suche in Orkut die Gemeinschaft „brasilieiros in XXX“ und wahrscheinlich wirst Du fündig. Natürlich darf man nicht erwarten, durchgängig auf Diskussionen auf hohem Niveau zu stoßen. Blödsinn und Unfug sind ein fester Bestandteil der Diskussionen, aber: wer suchet, der findet und Unterhaltung ist auch garantiert!

Ich selbst habe einige gute Freunde über eine brasilianische Gruppe in Orkut gefunden: „Perdidos em Bremen“ („Verloren in Bremen“) wurde während der Fußball WM 2006 gegründet und diente den verstreut in Bremen „verlorenen“ Brasilianern und Brasilienfreunden dazu, sich zusammen zu klucken und gemeinsam die selececao anzufeuern. Es lag bestimmt nicht an uns, dass Frankreich wieder Endstation war. Danach wurden immer wieder gemeinsame Treffen organisiert.

Es gibt auch bestimmte communidades, in denen kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Brasilianern diskutiert werden. Neben vielem Nebensächlichen und Irrelevanten finden sich auch viele interessante Diskussionen. Als ich im Jahr 2007 zu einem Vortrag an der Evangelischen Akademie Tutzing eingeladen war und über Glücklichsein in Deutschland und Brasilien referieren sollte, haben meine Frau und ich in mehreren der Gruppen eine Diskussion gestartet, die ich als Bezugspunkt für weitere Überlegungen genutzt habe

In Anspielung auf Goethes Reise nach Brasilien, über die wir in dieser Kultbrasil Ausgabe berichten – über Orkut könnt Ihr ein kleines Stück Brasilien erleben!

 

 

 

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2 Kommentare

  • #1

    Cara (Dienstag, 07 April 2009 08:40)

    Die HP ist super - und der Artikel ueber orkutscho trifft den Nagel auf den Kopf... Musste echt schmunzeln ueber „Perdidos em Bremen“... Kompliment nochmal an dieser Stelle fuer diese gelungene Homepage!

  • #2

    Robert Kühn (Mittwoch, 08 April 2009 03:08)

    Alles klasse, super, tippi toppi
    PARABENS!!!

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