Rio hat gewonnen – Yes, we créu

Die Niederlage Chicagos bei der Entscheidung für den Austragungsort der olympischen Spiele 2016 wird von den US-amerikanischen Widersachern von Barack Obama genüsslich ausgeschlachtet – und als deutliches Indiz des Sinkens seines Sterns angesehen – und mehr noch als Zeichen dafür, dass die Welt auf einen Hype herein gefallen ist und der ganze Trubel um „Yes, we can“ eigentlich nur eine wirre Irrfahrt war.

 

Ich vertrete eine ganz und gar konträre Auffassung: In Wirklichkeit war der Sieg Rio de Janeiros gerade die folgerichtige Konsequenz der „Yes, we can“-Kampagne. Er folgt derselben Logik, mit der Obama in der Welt Begeisterung ausgelöst und über reaktionäre Kräfte triumphiert hat: Dem „empowerment“ einer Gruppe, die vorher am Rand der Gesellschaft stand, welche in die Öffentlichkeit drängt und ihre Artikulationsräume einfordert.

 

 Nur dass Obama diesmal auf der falschen Seite stand – und als Vertreter einer in Nationen eingeteilten Welt und aufgrund seiner Einbindung in einer nationalstaatliche Rolle dies zwangsläufig nicht begreifen konnte.

 

Es ist wie mit einem besonders gelungenem Kunstwerk: In der Regel ist der Künstler nicht in der Lage, reflexiv zu begründen, was für ein wunderbares Werk ihm gelungen ist – und wenn er doch den Mund auf macht, ist es enttäuschend simpel und oberflächlich, was er da zum Ausdruck bringt. Und so muss es ja auch sein: Denn wie sollte ein Künstler in der Lage sein, die Wirkung eines im Idealfall zeitlos und schichtübergreifend sich entfaltenden Werkes zu begreifen, wo er selbst gebunden an einen Ort, eine Epoche, eine Kultur und eine Schicht ist? So ähnlich sehe ich es auch mit Obama, und deshalb zurück zu meiner These:

 

Obamas Reden im Vorfeld seiner Wahl haben die Welt begeistert, seine Kampagne „Yes, we can“ hat die Welt von Wahlkämpfen weltweit bereits revolutioniert. Warum? Sicherlich, man kann Obama ein gewisses „Charisma“ nicht absprechen – aber vor allem war es die Botschaft als Figur vor einem Hintergrund, die begeisterte. Der Hintergrund: die trübe Bush-Administration, die mehr und mehr zu einem Zerrbild des Spotts wurde – und damit gleichzeitig auch die soziale Struktur der Welt ad absurdum führte. Die Weltmacht Nummer eins USA erschien zunehmend als ein aus den Fugen geratenes Irrenhaus. Die Figur: Eine Entwicklung, die neue Gemeinsamkeit versprach, einen neuen Aufbruch, Respekt und Gerechtigkeit für eine Gruppe von Benachteiligten und Ausgeschlossenen. Aber nicht auf der Basis von Almosen oder Sozialleistungen, sondern auf der Basis von Stärke: Yes, we can – Hört her! Wir können mehr! Ihr könnt mehr! Wir haben Power - und unser wir schließt Euch ein! Ihr seid nicht der Abschaum der Gesellschaft.

 

„Yes, we can“ – das ist die Botschaft, die Lula seit Jahren erfolgreich in Verbindung mit Brasilien vermittelt. Eine Nation, die aufsteigt, die mehr kann als halbnackt Samba tanzen, ficken und Fußball spielen. Eine Nation, die kreativ ist, die mit Krisen umgehen kann, die hart arbeitet, die großes Potenzial hat und aufstrebt. Eine Nation, die darunter zu leiden hat, dass sie unterschätzt und in Klischees gepresst wird, und die doch ihren Weg nach oben findet. Eine Nation, die das Recht darauf hat, internationalen Raum für die Artikulation ihrer eigenen Identität zu bekommen, wie es andere Nationen bereits vielfach hatten – insbesondere im Rahmen olympischer Spiele als das Fest der Nationen schlechthin.

So überzeugend und mitreißend Obamas Reden normalerweise sind – so wenig Wirkung zeigte sie diesmal in Kopenhagen. Warum? Weil er seine eigentliche Interessen aus einem imaginierten nationalen Interesse heraus konter karierte. Während Lula überzeugend den Kampf um Anerkennung eines ganzen Kontinents inszenierte und diesen Kampf in seiner Person zumindest auf der internationalen Politik-Theaterbühne in Reinform verkörpert, blieb Obama nur ein Abgleiten ins Persönliche: der Hinweis, wie wichtig es ihm persönlich aufgrund seiner Beziehung zu Chicago sei, dass die Spiele dorthin kämen. Dieses partikular Persönliche wurde durch den doppelten Auftritt mit seiner Frau noch stärker in den Vordergrund gerückt. Wenn man vom Charisma der Obamas absieht, war dies ein schwaches und generisches Argument, dass auf jeden anderen Ort ebenso gut gepasst hätte und von jeder anderen Person ebenso gut hätte geäußert werden können. Da es aber vom amerikanischen Präsidenten geäußert wurde, stand dahinter implizit die Botschaft von Dominanz, Ungleichheit zwischen den Nationen und Vorherrschaft: „Ich bin der Herrscher der Nation Nr.1, und deshalb sollten meine persönlichen Interessen Berücksichtigung finden. Ich bin Heilbringer und Führer, also nehmt Rücksicht auf mich.“ Eine Botschaft der Partikularinteressen – und damit letztendlich genau der Wirkstoff, mit dem über Jahrhunderte Herrscher und führende soziale Gruppen ihre Vorrechte und Privilegien auf Kosten des Volkes durchgesetzt haben. Damit ist sich Obama letztendlich selbst in den Rücken gefallen.

 

Nur – dies dokumentiert weder Obamas Schwäche, noch die Schwäche von „Yes, we can“. Dass Rio gewonnen hat, zeigt im Gegenteil wie wirkungsstark der Grundgedanke der „Yes, we can“ Kampagne weltweit nach wie vor ist. Und dass Obama diesmal so wirkungsschwach war, ist eine Folge einer nationalstaatlichen Ideologie, nach der unsere Welt in verschiedene Nationen mit unterschiedlichen Interessen, mit unterschiedlichem Kapital und mit unterschiedlicher Geltung in der Welt eingeteilt ist. Eine Struktur des Sozialen, die nicht zu letzt im Rahmen von Weltmeisterschaften und olympischen Spielen mit viel Brimborium zelebriert und letztendlich dadurch gestärkt wird. Obama ist eben nicht Präsident der Welt, sondern der USA – einer hegemonialen Weltmacht mit partikularen Interessen.

 

Gleichwohl finde ich es angenehm, zu sehen, wie Ideen und Kampagnen, die in dieser Nation geboren werden, ihre Wirkung auch über die USA hinaus entfalten. Der Sieg von Rio de Janeiro war letztendlich ein Triumph von „Yes, we can“ und somit trotz der anscheinenden Niederlage von Obama ein Sieg von den Idealen, für die er steht und für die er eintritt.

 

In Brasilien wurde übrigens aus „Yes, we can“ ein „Yes, we créu“ – und da kann ich gleich an meinen letzten Blog zum brasilianischen Humor anschließen. „Yes, we créu“ dominierte nach der Wahl Rios nicht nur die Kommunikationsplattform Twitter, auch bei YouTube erschien bald ein Video, das in Brasilien zum Renner wurde:

 

YouTube-Video

Wir sehen, wie Brasilien triumphiert, und gleichzeitig die Verlierer durch den Kakao zieht. Zum Beispiel begegnet uns ein hüftschwingender Barack Obama. Aber das Video und der Spruch „Yes, we créu“ sind mehr als bloße Häme gegenüber den Verlierern.

„Yes, we créu“ ist das brasilianische „Yes, we can“ einer Nation, deren Selbstbild zwischen Straßenköter und „von Gott persönlich ausgewählt“ schwankt. Auf die eine Seite  hat etwa der freie Journalist Jens Weinreich in einem SPIEGEL online Artikel am 2.10. zum Sieg Rios hingewiesen:

 

„Lula kennt sein Geschäft, er weiß, was zu sagen ist. Er überzeugte im Bella Center mit Herz und Verve. Der Schriftsteller Nelson Rodrigues hat das brasilianische Minderwertigkeitsgefühl, von dem Lula so oft sprach, einmal mit der Metapher vom Straßenköter beschrieben. "Der Brasilianer muss sich klar werden, dass er kein Straßenköter ist", formulierte Rodrigues. Der Straßenköter - das steht für den mangelnden Glauben an sich selbst, für Erniedrigung, für mangelndes Selbstbewusstsein. "Straßenköter sein oder nicht sein, das ist die Frage." "

 

Quelle: http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,652963,00.html

 

Brasilien als Straßenköter – dieses Bild wird re-inszeniert durch Kommentare der spanischen Verlierer-Delegation, dass die brasilianische Bewerbung lediglich Emotion vermittelt habe, sonst aber die schlechteste von allen gewesen sei. Brasilien als Straßenköter – ich erinnere mich an eine Fahrt durch Valencia mit dem Bruder meiner damaligen spanischen Freundin, als dieser mir verächtlich die „dreckigen, brasilianischen Putas“ am Straßenrand zeigen wollte. Spanien – die arrogante Kolonialmacht, geschlagen von einem Straßenköter. Natürlich gibt es ein anderes Spanien, ein liebenswertes, weltoffenes, bewundernswertes – aber wer könnte es den Brasilianern verübeln, dass sie sich freuen, gegenüber den arroganten Kolonialherren gesiegt zu haben, die eigens ihren König mit in die Schlacht geschickt haben? Und auch den Sieg gegenüber den USA, die Südamerika lange Zeit als ihren eigenen Hinterhof betrachtet haben, in dem sie schalten und walten können, wie sie es wollen? „Yes, we créu“ bedeutet in diesem Sinne – wir haben es geschafft, wir als oft gedemütigtes „Dritte Welt“ Land haben Euch in die Knie gezwungen – und jetzt ist es an Euch, den Moment der Niederlage, der Erniedrigung zu fühlen, so wie wir es über Jahre und Jahrzehnte gewohnt waren.

 

„Yes, we créu“ ist aber gleichzeitig auch ein Stück Selbst-Humor. „Créu“ ist seit ein paar Jahren ein bekanntes Video, über das viele Brasilianer nach Herzenslust lachen.

 

YouTube-Video

Die Brasilianer lachen über sich: Wie eine Maschine wackelt eine Brasilianerin zu Baile-Funk-Musik mit den Hüften. Es werden verschiedene Geschwindigkeitsstufen angesagt – wie bei Drücken auf eine Taste einer Maschine – und nach der jeweiligen Stufe wackelt die Tänzerin mit den Hüften. Höchstgeschwindigkeit ist 5, „velocidade cinco“. Die Brasilianer lachen darüber, weil es gerade das doppelte Selbstbild verkörpert: auf der einen Seite die Fähigkeit, alles aus dem Körper raus zu holen, tanzen zu können, wie es kein anderes Volk kann, ein Volk, das sich nicht unterkriegen lässt, das dribbeln kann, das immer einen Weg findet - aber auf der anderen Seite aber auch das entfremdete Volk, das unterdrückte Volk, das Volk, dem Bildung verweigert wird, das dumm gehalten wird, das Volk, das den Körper instrumentalisiert, wie eine Sex-Maschine.

„Yes, we créu“, das bedeutet nicht nur: „Yes, we can“ (1.) und „ja, wir haben euch besiegt“ (2), es bedeutet auch drittens: Der Weg bis zu den olympischen Spielen, das wird noch eine Achterbahnfahrt und ob das mit den Versprechungen alles wohl so gut geht mit unserer Mentalität des „créu“. Am Ende werden wir das Boot schon schaukeln, mit velocidade 5, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg mit vielen Irrungen und Wirrungen…

Kommentar schreiben

1 Kommentar

  • #1

    Robert Kühn (Dienstag, 06 Oktober 2009 01:09)

    Hallo Tommy! Warum können die US-Amerikaner sich nicht als faire Verlierer zeigen und sich für Brasilien mitfreuen? Übrigens: Die Cariocas in meiner Umgebung sind alles andere als begeistert, sondern nörgeln unisono an der Entscheidung für Rio als Austragungsort herum. Das Geld würde nur in die falschen Taschen fließen, die U-Bahn nach Barra nie rechtzeitig fertig usw. usw. Die Freudenstürme, die sich bei Twitter und Facebook zeigen, kann ich in meinem Umfeld nicht wiederfinden. Komisch, oder??
    Bejos aus Rio!!!

  • loading
Newsletter

Info: Der Newsletter kann jederzeit abbestellt werden.