Man findet sie in den Schaufenstern der chiquen Boutiquen wie Saks Fifth Avenue oder Bergdorf Goodman in New York oder den Galleries Lafayette in Paris. Sie haben ihren Platz in den Vitrinen in Via Spiga oder Mailand, Seite an Seite mit berühmten Marken wie Dior und Prada. Sie verzieren die Füße von Künstlern, Models und Promis. Selbst am Fuß des Präsidenten findet man sie – ja ich rede von Havaianas Sandalen.
Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal den Preis von Havaianas in einem Geschäft in Europa sah. Was für ein Schreck! Ich konnte es kaum glauben: Diese Sandalen, von mir und geschätzten 100 von 100 heute erwachsenen Brasilianern als verhasst in der Kindheit in Erinnerung, hat sich zu einem allseits geschätzten Gut entwickelt, das vielerorts bekannter ist als unser brasilianischer Präsident. Wenn man außerhalb Brasiliens danach fragt, wer Präsident von Brasilien ist, ist man dem Risiko ausgesetzt, alle möglichen Namen zu hören – nur nicht den des Präsidenten. Manche verwechseln den früheren Präsidenten mit dem jetzigen und nennen Cardoso, andere verheddern sich mit dem Namen, zum Beispiel: Inácio Cardoso da Silva. In Bezug auf die Havaianas sieht die Lage schon anders aus: Hier kommt lediglich der landestypische Akzent ins Spiel, wie man den Namen ausspricht. Bekannt, beliebt und berühmt sind sie in allen Kontinenten in vielen Ländern.
Trotz ihres weltweiten Ruhms kennen aber die Wenigsten ihren Ursprung. Deshalb möchten wir Euch heute etwas über die Geschichte der demokratischsten und brasilianischten Sandale der Welt erzählen.
Die ersten Havaianas wurden am 14. Juni 1962 produziert, inspiriert von japanischen Sandalen aus Stroh oder Holz. Der Unterschied der brasilianischen Version: Die Sandalen waren aus Plastik. Gefertigt aus heimischen natürlichen Rohstoffen handelte es sich um ein Schuhwerk, das zugleich Tragekomfort und Haltbarkeit versprach. Im Gegensatz zur gegenwärtigen Modellvielfalt, zeichneten sich die Havaianas aber nicht durch Kreativität aus. Weit und breit sah man entweder eine weiße Version mit schwarzen Riemen oder eine schwarze Version mit weißen Riemen. Bald darauf kamen noch ein paar weitere Modelle hinzu: weiße Sandalen mit Seien und Riemen in fünf verschiedenen Farben. Zu den populärsten gehörten blaue Riemen.
Das Outfit war bodenständig, einfach, und die Sandalen wirkten billig. Wenn in einer Favela oder einem ärmeren Viertel Brasiliens aufwuchs, konnte man ihnen nicht entkommen: Alle Jungen und Mädchen hatten diese Einheitssandalen an ihren Füßen, weil sie sich so lange hielten und den Eltern kaum Pflegeaufwand bereiteten. Und wenn doch mal etwas locker wurde, gab es Nägel, mit denen man alles wieder fest zurren konnte. Dadurch hielten die Sandalen noch länger.
Fast dreißig Jahre lang wurden Havaianas hauptsächlich von Angehörigen weniger wohlhabender und begünstigter Schichten in Brasilien gekauft und vor allem in ärmeren Vierteln angeboten. Havaianas galten als die Puschen der Armen, und dementsprechend war man nicht gerade stolz darauf, sie zu tragen.
Ein Personal- und Strategiewechsel im Unternehmen führte zu dem radikalen Imagewandel, den wir heute beobachten können. Damit die Havaianas an Attraktivität im großen brasilianischen Binnenmarkt ebenso für den Export in andere Staaten gewinnen, wurden neue Modelle eingeführt, mit starken und lebendig kräftigen Farben. Der Preis zog auch innerhalb Brasiliens deutlich an, und man investierte in Kommunikationskampagnen, für die man Künstler und Models verpflichten konnte – etwa zur Zeit das brasilianische Topmodel Fernanda Tavares. Die Werbung zeichnete sich durch seinen Witz aus, welcher der Marke zu einem attraktiven jungen Image verhalf. Das Ergebnis war beeindruckend: Was früher als „Ding für Arme“ betrachtet wurde, entwickelte sich nun zu einem modischen Produkt.
Heutzutage sieht man die Havaianas sowohl an den Füßen der Brasilianer in der Landlosenbewegung als auch an den Füßen von Brasilianern der Mittelklasse – Frauen, Männer und Kinder. Sie gelten zugleich als praktisch und casual, und der Preis ist noch deutlich erschwinglicher als außerhalb Brasiliens. Daher sind sie allseits gern gesehen.
Wenn Brasilianer, die im Ausland wohnen, Brasilien besuchen, gehört der Kauf neuer Havaianas zu den ersten Aktivitäten auf heimischen Boden. Dies gilt besonders für Städte am Strand wie Rio de Janeiro, wo ich geboren wurde.
Und Ihr? Werdet Ihr auch Havaianas kaufen, wenn Ihr Brasilien das nächste Mal besucht?