Pünktlichkeit ist immer wieder ein Thema in Gesprächsrunden zwischen oder mit Brasilianern.
Nun wollen wir hier keine Stereotypen reproduzieren – im Sinne von: Alle Brasilianer sind unpünktlich oder alle Deutschen sind pünktlich. Das wäre natürlich purer Quatsch.
Und doch ist es gut zu wissen, dass es in Brasilien und Deutschland andere Umgangsweisen mit dem Thema Pünktlichkeit gibt. Nennen wir nur einmal ein paar Beispiele aus dem Alltag: Vor der Tagesschau wird immer eine Uhr eingeblendet, es werden die Sekunden gezählt und um Punkt acht Uhr geht es los. Nach exakt 15 Minuten ist Schluss.
Undenkbar für das brasilianische Pendant, das Jornal Nacional auf Rede Globo. Hier weiß man, dass es nach der „Novela das 7“ (der Novela um 7 Uhr) und vor der „Novela das 9“ anfängt. Wann genau, weiß keiner, und eine Uhr wird im brasilianischen Fernsehen zwischendurch auch nicht eingeblendet. Auch wie lange, die brasilianische Nachrichtensendung genau dauert, weiß im Vorfeld keiner. Und übrigens; „Novela das 7“ und „Novela das 9“ bedeutet natürlich nicht, dass die Sendungen wirklich Punkt 7 oder Punkt 9 Uhr anfangen
Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Öffentlicher Verkehr. In Deutschland werden wir schon ärgerlich oder nervös, wenn der Bus oder die Bahn drei Minuten zu spät kommt. Zu spät – das bedeutet, dass wir einen Fahrplan haben und uns entsprechend diesem Fahrplan eine Vorstellung machen, wann der Bus oder die Bahn kommt. In den meisten brasilianischen Großstädten gibt es so was nicht – und angesichts des enormen Verkehrsaufkommens etwa in Städten wie Rio de Janeiro wäre es wohl auch nur schwer zu planen. Man steht an der Ecke und wartet, dass der Bus kommt. Ärgerlich wird man auch, wenn es zu lange dauert, aber nicht weil man einen Referenzrahmen hat, an dem man Verspätung fest machen könnte.
Natürlich macht das die Zeitplanung von Treffen schwieriger: Pünktlichkeit wird weniger kalkulierbar als etwa in Deutschland. Gleichzeitig sinkt damit aber auch der Erwartungsdruck: Man braucht nicht drei Viertel seiner Reise zum Ziel nervös auf die Uhr gucken und Angst haben, fünf Minuten zu spät zu einem vereinbarten Treffen zu gelangen. Statt dessen gibt es einen weiteren Toleranzrahmen.
Aber: Wenn Ihr, liebe deutsche Geschäftsreisende, jetzt nach Brasilien fliegt und denkt: Super, ich komme, wann es mir passt, hier ist eh alles Chaos, und jeder ist unpünktlich, dann täuscht Ihr Euch gewaltig. Denn im Business gelten andere Normen als bei informellen Vereinbarungen. Brasilien ist Teil der internationalen Marktwirtschaft, und auch hier gilt oft der Grundsatz: Zeit ist Geld. Und auch in Brasilien gibt es Hierarchien: Und kein Chef sieht es gerne, wenn seine Mitarbeiter zu spät kommen. Normalerweise schaut keiner auf die Minute, aber wenn man immer unpünktlich ist, wird dies als deutliches Zeichen mangelnder Organisiertheit aufgefasst. Und gerade, wenn es um internationale Angelegenheiten geht, ist es vielen Brasilianern wichtig, durch Pünktlichkeit ihr Engagement zu dokumentieren. Wenn da der Gringo zu spät kommt, weil er denkt: „Ihr Brasilianer seid doch eh alle immer unpünktlich“, schafft er sich mit Sicherheit keine Freunde.
Wichtig ist also, keine zu großen Verallgemeinerungen zu treffen, sondern den jeweiligen Kontext zu berücksichtigen.,
Und gleichzeitig gilt es die kulturellen Kodes bezüglich der Kommunikation von Zeit zu verstehen:
Wir möchten Euch hier mal zwei Beispiele aus eigener Erfahrung schildern, bei denen wir die Kodes NICHT verstanden haben – eines aus deutscher, ein anderes aus brasilianischer Perspektive:
Beginnen wir mit der deutschen Perspektive: Im Sommer erhielt ich eine Einladung in Deutschland zu einem brasilianischen Churrasco. Es sollte um 12 Uhr los gehen. Ich verspätete mich, wurde nervös und hetzte zum Kleingarten, in dem es statt finden sollte. Es war schon nach 13 Uhr, ich hatte Hunger und Angst, dass vom schönen Fleisch wohl nichts mehr übrig sein würde. Schließlich hatte ich die deutsche Zeit für’s Mittagessen längst überschritten. Als ich mich dem Garten näherte, wunderte ich mich, wie ruhig es war. Dann sah ich: Von Fleisch keine Spur. Aufgegessen? Nicht die Bohne. Die Organisatoren begannen gerade damit, die Salate auszupacken und langsam mit den Vorbereitungen zu beginnen, den Grill anzuschmeißen. Das Essen selbst begann erst gegen 16 Uhr, es war eine Erfahrung mit Hunger, aber lehrreich…
Und nun die brasilianische Perspektive: Eines Abends lud ich hier in Deutschland Freunde zu einem Abendessen ein, bei dem ich brasilianische Gerichte servieren wollte. Als Uhrzeit setzte ich 20 Uhr an – heute weiß ich, dass dies nach deutschen Gepflogenheiten schon ziemlich spät ist, aber für brasilianische Verhältnisse eine vernünftige Zeit. Naja, jedenfalls war ich mitten am Kochen, als es plötzlich klingelte. Als ich von 20 Uhr gesprochen habe, habe ich es als ganz natürlich angesehen, dass die Gäste so zwischen 21 und 21 Uhr 30 eintrudeln werden. Ich erschrak mich, verstand es nicht, öffnete die Tür, und nichts war fertig. Natürlich habe ich die Lektion gelernt: Eine vereinbarte Zeit in Nordeuropa bedeutet nicht das Gleiche wie in Brasilien…
In Brasilien wäre es unhöflich, überpünktlich zu einem Fest zu kommen. In Deutschland ist es ein Zeichen von Respektlosigkeit für den Gastgeber, wenn man sich zu sehr verspätet. Das Ganze wird nicht leicht, wenn es nun zu einer Vermischung von Brasilianern und Deutschen kommt – hüben oder drüben. Wir lösen das Ganze meist damit, dass wir bei einer Einladung im Vorfeld schmunzelnd fragen: brasilianische oder deutsche Zeit?
Eine Sache für sich sind Hochzeiten in Brasilien. Wenn Du jemals zu einer eingeladen wirst, gehe nicht mit hungrigem Magen in die Kirche! Und rechne auch nicht mit einem Vollzug nach den angegebenen Zeiten! Es gehört zum Ritual, dass die Braut sich verspätet. Natürlich heißt das nicht, dass Du pokern solltest , zu viel Verspätung einkalkulierst und in Gefahr läufst, NACH der Braut zu kommen. Das wäre ein Affront. Denn die ungeduldig auf die Braut wartenden Gäste gehören ebenfalls zum Ritual!
Und was sagen in Deutschland lebende Brasilianer selbst zum Thema Pünktlichkeit? Es folgen ein paar übersetzte Diskussionsbeiträge aus Foren der Community Orkut.
Einige erachten Pünktlichkeit als notwendig in bestimmten Kontexten und als weniger angemessen in anderen:
„Bei der Arbeit oder in der Schule verspäte ich mich nicht. Auch in Brasilien habe ich mich da nicht verspätet. Das ist eine Verpflichtung, die ich einhalten muss. In Festen von Deutschen, bei Kursen oder beim Arzt auch nicht…
Bei Festen von Brasilianern ist es anders. Normalerweise komme ich verspätet. Mein Mann hasst es, früh anzukommen und dann darauf zu warten, dass die Anderen kommen und das Essen fertig ist…“ (Lúcia)
Die Norm der Pünktlichkeit kann als belastend und störend angesehen werden:
„Pünktlichkeit ist für mich ein großes Problem. Obwohl ich schon im Vorfeld immer versuche darauf hinzuweisen, dass ich zu spät kommen werde. Am wenigsten komme ich mit Terminen am Morgen klar. Ich habe immer schon Alpträume in der Nacht davor, dass ich die Zeit verliere. Und am Ende der Geschichte bin ich morgens todmüde. Schrecklich…
Eine Sache finde ich aber interessant: Wenn mich jemand in Brasilien für 19 Uhr zum Essen einlädt, und ich fünf Minuten zu früh kommen, werden die Gastgeber denken, dass ich total hungrig bin. Oder ist das eine Sache in meinem Kopf?
Aber hier finde ich den Beginn von Festen total bizarr. Es gibt so viel Formalität. Sogar für ein Fest! Obwohl ich schon über 4 Jahre lang hier lebe, habe ich mich noch nicht an diese formellen Eingangszeremonien eines Festes gewöhnt.“ (Mario)
Dass zu sehr verallgemeinernde Stereotypen rund um kulturell verankerte Deutungen und Handlungsweisen teilweise mehr Konfusion als die Lösung eines Problems bedeuten, wird im folgenden Beispiel deutlich:
“In Japan musste ich einige Japaner ausschimpfen. Wenn wir einen Termin vereinbarten, kamen sie immer unpünktlich. Ich weiß, dass Japaner pünktlich sind, also fragte ich sie, warum sie immer unpünktlich seien, und da antworteten sie: Wir haben da einen Brasilianer kennen gelernt. Der kam immer mindestens mit einer halben Stunde Verspätung. Deshalb kommen wir jetzt auch verspätet. Du bist doch Brasilianer, oder?“ (Ricardo)
Dieses Beispiel zeigt uns auf: Es ist gut um kulturelles Kodes zu wissen, aber wir müssen immer wieder von Fall zu Fall neu einschätzen, unterschiedliche Kontexte berücksichtigen und uns vor Augen führen, dass es auch innerhalb einer Kultur ganz unterschiedliche Typen, Charaktere und Persönlichkeiten gibt.
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Hallo, liebe Leser,
zwar bin ich Deutscher habe aber jahrelang in Brasilien ( s. Paulo) gelebt und in meinem 35-jährigen Export-Beruf auch öfter in Brasilien geschäftlich zu tun gehabt.
Dabei war die Zeit resp. Pünktlichkeit eigentlich kein Thema.
Auch in Brasilien sind in den letzten Jahren die Geschäftspartner darauf bedacht, pünktlich zu arbeiten.
Denn auch hier ist Zeit Geld.
Wenn man natürlich im Verkehrschaos ( s. Paulo:
33000 Taxis und 15 000 Omnibusse stecken bleibt , dann kann man nicht immer pünktlich sein.
Es gibt ja Gottsei Dank Tel cellulares resp "handy" womit man iin einem solchen Falle den Wartenden im anderen bairro tel. avisieren kann : oi, es
wird später !...
Saudacoes
Rainer
