KultBrasil Interview

In  diesen Gesprächspartner möchten wir euch  Dr. Thomas Kühn vorstellen und damit gleichzeitig auf unseren Blog aufmerksam machen, der in Zukunft durch ihn verfasst und organisiert wird.

 In Brasilien mit ich mit theoretischen Interpretationen in Kontakt gekommen, die mich auf meinem Weg als Forscher entscheidend weiter gebracht haben. Und vielleicht habe ich aus Brasilien auch etwa s Unternehmergeist mitgenommen, ohne den ich nicht den Mut gehabt hätte, mich selbständig zu machen.

Dr.Thomas Kühn

Er bietet Dienstleistungen vor allem in der Sozial- und Marktforschung, aber auch im Personal- und Trainingsbereich an -  national, aber auch international mit einem Schwerpunkt auf brasilianische Kunden.  Seit Januar 2009 leitet Thomas Kühn ein Forschungsprojekt an der Monash University in Melbourne, Australien, und  arbeitet an einer Veröffentlichung zum Thema „Nationalität und Identität“, in die auch zentrale Ergebnisse des brasilianischen Forschungsprojekts einfließen werden.

In Deinem Blog beschreibst Du Deine Eindrücke von Deinem ersten Tag in Brasilien. Wie hast Du Dir vor Deiner Reise Brasilien vorgestellt?

Ich wusste zunächst nur sehr wenig über Brasilien. Wie für viele in Deutschland bestand mein Hauptkontakt sicherlich zunächst über den Fußball. Außerdem wusste ich, dass dort Karneval gefeiert wurde. Mein Interesse an Brasilien begann zu wachsen, als ich mich im Rahmen einer Hausarbeit während des Psychologiestudiums mit unterschiedlichen Vorstellungen über Heilungs- und Genesungsprozesse auseinander setzte. Eher zufällig war ich auf ein Buch gestoßen, dass sich ausführlich der brasilianischen Geschichte und der Vielfalt der dortigen religiös geprägten Vorstellungen widmete und aufzeichnete, wie wichtig die Integration in Gruppen für das Gesundwerden ist.

Vor meiner Reise nach Florianópolis hatte ich durch Ana Lúcia, die Ihr in meinem Blog kennen lernen werdet, ein paar sehr gute Hinweise auf brasilianische Kultur bekommen. Ich habe mit Begeisterung die deutsche Übersetzung des brasilianischen Klassikers „Dom Casmurro“ von Machado de Assis gelesen und begann, ausgewählte brasilianische Musik zu hören. Ich hatte den Eindruck, dass sich mir plötzlich eine neue Welt eröffnete. 

Wie verlief Dein weiterer Kontakt mit Brasilien?

Brasilien war ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte – und das heißt viel schöner und inspirierender. Am meisten beeindruckt war ich davon, wie interessiert und kommunikativ die Brasilianer waren. In Florianópolis traf ich auf viele Leute, die mehr über deutsche Kultur wussten als ich.

Ich war von Anfang an in Brasilien verliebt und reiste in den folgenden Monaten noch zweimal nach Florianópolis. Mit Hilfe von brasilianischer Musik, einem Langenscheidt Sprachkurs und vielen Gesprächen mit geduldigen und hilfsbereiten Brasilianern auf beiden Seiten des Globus lernte ich allmählich immer mehr Portugiesisch.

Ich machte neue Freundschaften und reiste dann auch in andere Regionen wie zum Beispiel den Nordosten Brasiliens. Immer wieder war ich fasziniert, wie viele Facetten Brasilien zu bieten hatte!

Während ich an der Bremer Uni als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt war, lernte ich einen brasilianischen Gastwissenschaftler kennen, der mich einlud,  mit ihm in Brasilien zu kooperieren.

Du hast dann für zwei Jahre in Rio de Janeiro gelebt. Inwiefern hat die Zeit in Brasilien Dich in Deiner Entwicklung weiter gebracht?

Rio de Janeiro bleibt die Stadt meines Herzens. Ich habe in Brasilien viel gelernt. Erst einmal menschlich: Zum Beispiel fällt es mir heute viel leichter als früher, auf Menschen zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Ich glaube auch, dass ich etwas kommunikativer geworden bin. Aber auch in meiner wissenschaftlichen und beruflichen Entwicklung:  In Brasilien gibt es einige Wissenschaftler, die sich hervorragend mit Sozialtheorie auseinander setzen. Als ich nach Brasilien kam, hatte ich ein bisschen die implizite Vorstellung: Ich fliege in ein Entwicklungsland und hoffe dort auf Interesse für meine Forschungsansätze zu stoßen, die ich quasi als Carepaket im Rucksack mit mir trage. Das ist jetzt natürlich überspitzt ausgedrückt. Aber in Wahrheit war es anders herum: In Brasilien mit ich mit theoretischen Interpretationen in Kontakt gekommen, die mich auf meinem Weg als Forscher entscheidend weiter gebracht haben. Und vielleicht habe ich aus Brasilien auch etwa s Unternehmergeist mitgenommen, ohne den ich nicht den Mut gehabt hätte, mich selbständig zu machen.

Wie war es für Dich, nach Deutschland zurück zu kehren?

Es ist mir nicht leicht gefallen, nach Deutschland zurück zu kommen. Noch heute vermisse ich Brasilien sehr und freue mich darauf, dort irgendwann in der Zukunft auch wieder eine längere Zeit leben zu können. Ich vermisse meine brasilianischen Freunde, das brasilianische Klima, am Abend in den botequins zu sitzen, pão de queijo, aguá de coco, açai – und natürlich feijão und churrasco.

Andrerseits hatte ich bei meiner Rückkehr ein positiveres Verhältnis zu Deutschland als vor meinem Aufbruch nach Brasilien. Vieles weiß ich heute mehr zu schätzen als früher, zum Beispiel die vielen Fahrradwege!

Du hast während Deines Aufenthalts in Brasilien ein Forschungsprojekt geleitet. Worum geht es da?

In Brasilien gibt es ein eklatantes Gefälle zwischen arm und reich. In einer Stadt wie Rio z.B. gibt es die luxuriösesten Geschäfte für die Super-Reichen und gleich nebenan die Favelas. Ich habe mich gefragt: Wie geht das? Wie nehmen die Brasilianer aus verschiedenen sozialen Schichten diese Situation wahr? Welche Bedeutung hat die soziale Ungleichheit für ihren Alltag, und wie gehen sie damit um? Ich habe dafür sogenannte qualitative Interviews geführt, insbesondere mit Brasilianern, die in eher peripheren Stadtgebieten leben. Ich habe mir zunächst ihren Alltag und wichtige Erlebnisse ihrer Biografie schildern lassen. Dann haben wir im zweiten Teil des Interviews über die soziale Situation in Brasilien diskutiert, unter anderem darüber, worin die Ursachen für die Ungleichheit gesehen werden und was man machen müsste, um die Lage zu verbessern.

Es war ein wirklich spannendes Projekt, und ich bin der Alexander von Humboldt Stiftung sehr dankbar dafür, dass sie mir diesen Aufenthalt ermöglicht hat.

Wie weit bist Du mit der Auswertung Deiner Forschungen?

Im Jahr 2006 habe ich zusammen mit dem renommierten brasilianischen Soziologen Prof. Dr. Jessé Souza das Buch „Das moderne Brasilien. Gesellschaft, Politik und Kultur in der Peripherie des Westens“ herausgegeben.  Zahlreiche hoch angesehene und aufstrebende brasilianische und in Brasilien lebende deutsche Wissenschaftler reflektieren in diesem Buch über die Lage in Brasilien. Dem deutschsprachigen Leser wird mit diesem Buch die Möglichkeit gegeben, die brasilianische Innenperspektive auf das südamerikanische Land kennen zu lernen. In dem Buch sind auch erste Projektergebnisse enthalten.

Im Jahr 2007 habe ich an der Evangelischen Akademie in Tutzing einen Vortrag über unterschiedliche Vorstellungen des Glücklich-Seins in Brasilien und Deutschland gehalten und mich dabei auf meine Forschung in Brasilien gestützt.

Die  Auswertung aller Interviews hat sich aber länger hingezogen als geplant, weil mir meine Tätigkeit als Selbständiger wenig Zeit gelassen hat, mich konzentriert damit  zu beschäftigen. Bei der Analyse muss auch immer der kulturelle und historische Kontext betrachtet werden – es ist also eine zeitintensive Angelegenheit.  Ich sehe mich hier immer noch in der „Bringschuld“, eine ausführlichere Veröffentlichung über mein spannendes Forschungsprojekt in Brasilien zu erstellen.

Auf Einladung der australischen Regierung befinde ich mich zur Zeit aber für ein paar Monate in Melbourne und arbeite hier an einem Buch, in dem ich mich ausführlich damit beschäftige, wie sich Menschen in verschiedenen kulturellen Kontexten mit Nationalität auseinander setzen. Ein großer Teil dieser Arbeit wird sich auf meine Forschungen in Brasilien beziehen.  Ich plane, das Buch bis zum Ende des Jahres fertig zu stellen.

Seit Deiner Rückkehr aus Deutschland arbeitest Du ja als Selbständiger. Inwiefern hast Du im Rahmen dieser Tätigkeit Kontakt zu Brasilien?

Meine Tätigkeit ist nicht primär auf Brasilien ausgerichtet. Die meisten meiner Kunden kommen aus Deutschland, und die meisten meiner Projekte führe ich in Deutschland durch. Natürlich gibt es gerade im Marketing Research auch viele internationale Projekte, die auch andere Länder einbeziehen.

 Im Zusammenhang mit Brasilien ist es mir wichtig, den Kontakt zwischen der deutschen und der brasilianischen Seite zu fördern und dafür zu sorgen, dass gemeinsame Projekte nicht an Vorurteilen und Halbwissen über die andere Kultur scheitern. Ich biete deshalb zum Beispiel die Koordination und Durchführung von Marktforschungsprojekten an, an der deutsche und brasilianische Partner beteiligt sind, aber auch Schulungen und Trainings, in denen es um die Auseinandersetzung mit Fallgruben und Chancen interkultureller Zusammenarbeit geht.

Worum wird es in Deinem Blog gehen?

Ich habe ja schon angesprochen, dass es im Zusammenhang mit Brasilien hier in Deutschland viel Halbwissen und Vorurteile gibt. Die werde ich sicher das eine oder andere Mal auf’s Korn nehmen. Denn Brasilien ist natürlich mehr als nur Samba, Fußball und Caipirinha. In Deutschland gibt es aber auch viel mehr Brasilien-Experten und Liebhaber als weithin bekannt ist. Auf diese aufmerksam zu machen, ist mir ebenfalls ein wichtiges Anliegen.

Vor allem aber werde ich versuchen, meine Faszination für Brasilien zu artikulieren und hoffentlich auch zu vermitteln, natürlich ohne ein idealisiertes Bild zu zeichnen.

 

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