Helmuth Taubald lebt als freier Journalist und Buchautor in Rio de Janeiro. Er ist Autor bedeutender Reiseführer, wie z.B. „Richtig Reisen Brasilien“ im Du Mont Verlag, von dem inzwischen schon fast 100.000 Exemplare verkauft wurden. Auch das Travel Handbuch "Brasilien" im Stefan Loose Verlag stammt aus seiner Feder. Neben seiner Arbeit als Autor bietet Taubald auch Führungen durch Rio de Janeiro an. Vor seinem Umzug in die Wahlheimat Brasilien studierte Taubald Germanistik und Sozialwissenschaften und arbeitete als Lehrer und Dozent in Bremen.
Mehr Informationen zu ihm und seinem Tätigkeitsfeld finden sich auf seiner Website: www.rio-insider.com
KultBrasil Herr Taubald, können Sie sich noch an Ihre ersten Eindrücke in Brasilien erinnern? Wie kam es vom ersten Besuch zum Entschluss, nach Brasilien überzusiedeln?
1989 habe ich meine erste Reise nach Rio gemacht. Das Land litt unter Gewalt, Korruption, Schwarzhandel, Wirtschaftskrisen und Hyper-Inflation, ich erinnere mich noch, wie im Supermarkt jeden Tag die Preisschilder ausgewechselt wurden. Trotzdem wurde oft gelacht und gewitzelt, selbst in der Not konnten die Brasilianer locker und unbeschwert sein. Auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern schien hier direkter und natürlicher zu sein. Und dann ist Rio eine traumhaft schöne Stadt, vom Klima ganz zu schweigen. Am liebsten wäre ich gleich da geblieben, aber der Lehrbetrieb rief mich zurück, und ich konnte erst ein Jahr später weg.
KultBrasil Und wie kam es dazu, dass Sie einen der wichtigsten Reiseführer zu Brasilien gestalten konnten, der im DuMont Verlag verlegt wird?
Das war ein glücklicher Zufall. In meiner früheren Heimat Bremen wohnte ein Freund namens Hans-Peter Burmeister, der bereits DuMont-Autor war und mich ohne mein Wissen beim Verlag empfohlen hatte. Ich war zu der Zeit schon fünf Jahre in Brasilien und hatte all das bereits privat bereist, was nun plötzlich zum Stoff des Buches wurde. Die erste Auflage von „Richtig Reisen Brasilien“ erschien 1997 und war fast so etwas wie ein literarisches Liebesbekenntnis zu einem fantastischen Land.
KultBrasil Als Gestalter von Reiseführern zu Brasilien sind Sie ein Entscheider mit einer gewissen Macht über das Image Brasiliens. Auf der Basis von Ihren Schilderungen gewinnen Leser einen ersten Eindruck über Brasilien, auf dem dann im Falle einer Reise eigene Erfahrungen aufgebaut werden. Was ist Ihnen wichtig, Ihren Lesern über Brasilien nahe zu bringen?
Ein Einleitungskapitel trägt den Titel „Land der Extreme und Widersprüche“, auch auf die Vielfältigkeit wird hingewiesen. Amazonas ist in Deutschland ein Begriff, Pantanal schon weniger. Rio ist in aller Munde, das barocke Ouro Preto kaum. Pelé kennt jeder, Oscar Niemeyer nur der Gebildete. Und insgesamt möchte ich vermitteln, dass Brasilien viel mehr ist und hat, als gemeinhin angenommen wird.
KultBrasil Wie gehen Sie in Ihren Reportagen und Einführungen mit Klischees um, die mit Brasilien verbunden sind? Also mit Vorurteilen, die Brasilien als Paradies von Samba, Sonne, Sause gleichsetzen und mit Vorurteilen, die Brasilien auf Korruption, Gewalt und Chaos reduzieren?
Ich bestätige die Vorurteile, gebe ihnen aber ein sachliches Gewand. Klischees haben ja meistens einen realen Kern, nur ist alles viel komplexer. Samba, Sonne und Sause ja, aber auch Axé-Musik, Schneeflocken im Winter und eine 0,1-Promille-Grenze am Steuer. Korruption, Gewalt und Chaos ja, aber auch Lula, pazifizierte Favelas und internationale Mega-Events. Brasilien ist allgemein im Umbruch, lange witzelte man, es sei das Land der Zukunft und würde es immer bleiben, doch den zweiten Teil des Satzes muss ich nun in meinem Buch streichen.
KultBrasil Inwiefern hat sich Ihre persönliche Sicht auf Brasilien im Laufe der Jahre, die Sie in Brasilien leben, verändert? Inwiefern spiegelt sich das auch in Ihren Veröffentlichungen wider?
Natürlich hat in 20 Jahren ein Desillusionierungs- oder besser Reifungsprozess stattgefunden. Anfangs bot Brasilien viel von dem, was ich in Deutschland suchte oder vermisste. Die Euphorie spiegelte sich auch in den ersten Ausgaben der Reiseführer wider. Die beiden Länder schienen sich ideal zu ergänzen. Später sah ich auch die Schattenseiten und sehnte mich nach mehr Kultur, mehr gebildeten Menschen und mehr echten Freundschaften.
KultBrasil Inwiefern haben Sie sich selbst durch das Leben in Brasilien verändert?
Europäer und besonders Deutsche sind in Brasilien sehr beliebt. Mein Selbstbewusstsein hat hier deutlich zugenommen. Man bekommt viel positive Verstärkung, spürt die Offenheit, Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen. Ansonsten bin ich der Gleiche geblieben, viele deutsche Eigenschaften wie den Hang zur Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit habe ich auch in Rio nie abgelegt.
KultBrasil Sie bieten auch Führungen durch Rio an. Wer sind typische Kunden von Ihnen? Wie verändert sich das Bild von Brasilien der Touristen durch Ihre Führungen?
Fast alle Kunden kommen über meine beiden Reiseführer auf mich zu, manche finden meine Seite www.rio-insider.com auch bei Google. Die meisten sind Akademiker, über den DuMont-Führer eher mittleren oder höheren Alters, über das Stefan Loose Travelhandbuch auch viele Jüngere. Alle sind sehr aufgeschlossen und interessiert, vor allem an sozialen Fragen, an Favelas und dem brasilianischen Lebensalltag. Bei den Führungen bemerken viele erstaunt, wie sauber und modern Rio ist, wie neu die Autos und wie gepflegt die Menschen sind und dass sie sich die Kriminalität viel schlimmer vorgestellt hätten. Und durch die topografische Lage gewinnt Rio oft das Prädikat der schönsten Stadt der Welt.
KultBrasil Haben Sie den Eindruck, dass Touristen durch die Auseinandersetzung mit der brasilianischen Kultur und dem brasilianischen Alltag auch Anstöße für ihr eigenes Leben mit nach Hause nehmen? Wenn ja, welche?
Viele stellen fest, dass das Leben hier ungezwungener abläuft, dass sich fremde Menschen spontan unterhalten oder die Zeichensprache überall gegenwärtig ist, dass man Körperlichkeit zeigt und sogar Schwangere auf der Strasse ihren nackten Bauch vorführen, dass kaum gehupt wird und wenig Aggressivität im Verkehr zu spüren ist, dass Ampeln nicht allzu ernst genommen und überhaupt die gesetzlichen Regeln eher als Empfehlung verstanden werden. Die Eindrücke bleiben bestimmt haften, doch nur wer öfter kommt, wird auch ein paar Gewohnheiten daheim überdenken.
KultBrasil Gab es ein besonders prägendes oder außergewöhnliches Erlebnis, das Sie während einer Ihrer Führungen hatten?
Einmal rief mich an einem Sonntagmittag eine Dame vom Flughafen aus an und bat mich, sie abzuholen. Sie sei morgens angekommen und hätte so große Angst, dass sie das Gebäude noch immer nicht verlassen hat. Wir haben dann eine Tour gemacht, und abends tanzte sie auf der Feira Nordestina. Eine andere Dame hatte sich sehr viel aufgeschrieben, alles was sie sehen wollte. Und nach jeder Besichtigung wurde der Punkt auf der Liste abgehakt. Das hatte mich ziemlich nachdenklich gestimmt. Und einmal musste ich passen: Ein besonders detailbewusster Gast fragte, ob der in Rio 1792 hingerichtete Tiradentes zuerst geköpft oder zuerst gevierteilt worden war. Beides war wohl geschehen, aber in welcher Reihenfolge bloβ?
KultBrasil Sie bieten auch Führungen durch die Favela Cantagalo an. Wie läuft ein Rundgang durch die Favela ab? Mit welchen Gefühlen ist eine solche Führung bei Ihnen, den Touristen und den Einwohnern der Favela verbunden?
Lange Zeit bin ich durch die Rocinha, Brasiliens bevölkerungsreichste Favela, gefahren. Die Bewohner, es gab eine Umfrage, befürworten in ihrer Mehrzahl die Touristenbesuche. Die Gäste scheuen sich jedoch häufig, weil sie ungern die Armut wie in einem Zoo besichtigen wollen. Die Favelas von Rio sind jedoch kaum mit Elends-Ghettos oder Town-Ships zu vergleichen, oft wirken die unverputzten Häuser nach auβen ärmlicher als im Inneren. Strom und Wasser sind da, und die städtische Müllabfuhr kommt auch. Hinterher sagten die meisten, dass der Favela-Besuch ein Highlight war, besonders der Blick auf die abenteuerlichen Elektroverkabelungen. Seit kurzem steuere ich jedoch lieber die pazifizierte Favela Cantagalo an, auch um dort ein wenig die Arbeit der Polizei und der sozialen Hilfsgruppen zu zeigen.
KultBrasil Sie haben Sozialwissenschaften studiert. Inwiefern gibt es Bezüge zwischen Ihrer gegenwärtigen Arbeit als Journalist und Reiseführer zu Ihrem Studium und zum gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Diskurs?
Natürlich hat mein Studium mir sehr geholfen, Brasilien besser zu verstehen. Das schlägt sich auch im DuMont-Kapitel „Wissenswertes über Brasilien“ nieder und im Gespräch mit den Gästen verfüge ich über mehr Hintergrundwissen. Ansonsten verfolge ich den akademischen Diskurs nur noch am Rande. Nach wie vor interessieren mich jedoch Studien, die das Besondere der brasilianischen Mentalität wissenschaftlich zu erfassen versuchen, z. B. „Sete lições sobre as interpretações do Brasil“ von Bernardo Ricupero.
KultBrasil In Deutschland wird Brasilien in den letzten Jahren auch aus wirtschaftlicher und politischer Perspektive zunehmend ernster genommen. Insbesondere die relative Stärke während der Wirtschaftskrise wird bewundert, Brasilien aber auch als eines der vier BRIC-Länder mit guten Zukunftsaussichten in Verbindung gebracht. Hat sich Ihrem Erleben nach die Stimmung in Brasilien und die Sicht auf das eigene Land in den letzten 2-3 Jahren verändert?
Diese Veränderung bemerke ich seit fast 16 Jahren. Am deutlichsten wurde sie bei der Modernisierung der Banken. Besonders unter der Regierung Lula sind auch die sozial Schwachen wieder ins Blickfeld der Politik geraten. Es gibt immer umfangreichere Sozialprogramme wie Bolsa Familia, eine starke Anhebung des gesetzlichen Mindestlohnes und einen erleichterten Zugang zu Krediten für ärmere Familien und Kleinstunternehmen. Das Selbstwertgefühl der weniger privilegierten Brasilianer ist spürbar angestiegen, die Schwerstkriminalität geht seit kurzem zurück. Dennoch bleibt viel zu tun. Die Infrastruktur ist noch zu unentwickelt, das Bildungswesen vernachlässigt, und das Land braucht dringend Tausende von Ingenieuren, die zur Zeit aus Argentinien und Chile angeworben werden.
KultBrasil Sie wohnen nicht in der den meisten Touristen bekannten Südzone von Rio de Janeiro, sondern in Niterói. Was hat Sie dazu bewogen?
Ich habe 13 Jahre in Rios Südzone gewohnt und bin eher zufällig nach Niterói geraten, wo ich auch nicht ewig bleiben werde. Die 500 000-Einwohner-Stadt ist trotz hoher Lebensqualität, reizvoller Strände und des berühmten Kunstmuseums von Oscar Niemeyer etwas provinziell, man genießt aber den allerschönsten Blick auf Rio und ist, wenn man will, in wenigen Minuten da.
KultBrasil Wenn Sie Kultbrasil-Lesern drei bis vier bislang noch nicht veröffentlichte Geheimtipps zu Brasilien mit auf den Weg geben könnten, welche wären dies? J
Um mich auf den Südosten zu beschränken:
1. Die Bar do Gomez in Santa Teresa an der Tramlinie nach Paulo Matos, eine urige populäre Kneipe in einem Kolonialwarenladen von 1919
2. Die Casa Turquesa im hübschen Kolonialstädtchen Parati, eine der schönsten Pousadas in Brasilien
3. Porto da Barra bei der Bucht von Manguinhos im schicken Badeort Búzios, die neue Party-Location mit vielen Top-Restaurants und Szene-Bars
4. Estádio do Pacaembu in São Paulo, Brasiliens gröβtes Fuβballmuseum.
KultBrasil Wie werden Sie die WM 2010 erleben? Inwiefern freuen Sie sich darauf, als Deutscher die WM in Brasilien zu verfolgen?
Ich bin kein groβer Fuβball-Fan, werde aber mehr wegen der Atmosphäre einige Spiele in den Kneipen anschauen. Wenn Deutschland spielt, trifft sich die deutsche Gemeinde auch privat. Ich könnte sogar überall bedenkenlos ein deutsches Trikot tragen, denn nach Brasilien, Portugal, Südafrika und Spanien kommt bereits Deutschland in der Siegerpräferenz der Brasilianer.
KultBrasil Wer wird Weltmeister?
Ich hoffe, diesmal Brasilien. Würde mich auch freuen, wenn Südafrika länger am Ball bleibt und Deutschland wieder den Dritten macht.