Ivan Santos

von Raquel Santos

Ivan Santos ist ein brasilianischer Komponist und Sänger, der seit über 10 Jahren in Frankfurt am Main lebt. Seine Songs werden von vielen bekannten brasilianischen Interpreten wie Lenine oder Ney Matogrosso interpretiert. Seine Komposition „Ninguém faz idéia“ wurde im Jahr 2005 für den in Brasilien sehr renommierten TIM-Preis in der Kategorie bester Song des Jahres nominiert.

 

Im Kultbrasil-Interview reflektiert Ivan Santos seinen Werdegang und seinen Bezug zu Deutschland und Brasilien.

 

Nähere Informationen findet man auf seiner Website: www.ivansantos.de

KultBrasil Wie kam es dazu, dass Sie Musiker wurden und beschlossen haben, Sich der brasilianischen Musik außerhalb Ihres Landes zu widmen?

 

Als Kind habe ich nie besonderes Talent für Musik gezeigt. Alles, was mit Kunst zu tun hatte, erregte jedoch meine Aufmerksamkeit. Ich war sensibel für den Klang von Wörtern, für Illustrationen in Zeitungen und natürlich auch für die Musik, die meine Mutter sang und die im Radio gespielt wurde. Einmal hatte ich mir aus Seifenkarton eine Gitarre gebastelt – da schenkte mir mein Vater eine alte Gitarre, die er beim Barbier in der Nachbarschaft erstanden hatte. Ich begann in den Ecken darauf zu spielen, mit meinen Freunden und für meine zukünftigen Freundinnen. Möglicherweise war ich in meiner Gruppe der schlechteste Gitarrenspieler, aber mein Ziel war es nie, ein großer Virtuose zu werden. Ich war eher an der Form der Songs interessiert, und von Anfang träumte ich davon, eines Tages meine eigenen Songs zu schreiben. Im Alter von 25 Jahren habe ich mein Studium der Architektur ebenso abgebrochen wie meine Berufstätigkeit als Zeichner und beschloss, von der Musik zu leben.

 

KultBrasil Und warum Deutschland und letztendlich Europa?

 

Aus Brasilien weg zu gehen, war die Konsequenz von meiner Unzufriedenheit und Frustration mit dem brasilianischen Show Business, nicht mit der brasilianischen Musik. Und außerdem verspürte ich den Drang, die Welt zu sehen, die außerhalb Brasiliens existierte. Ich habe mir Deutschland nicht selbst ausgesucht, es war eher das Gegenteil, einige Freunde, die hier lebten, hatten die Idee und haben mich eingeladen.

KultBrasil Woran arbeiten Sie gerade?

 

Im Moment schließe ich die Aufnahmen zur CD „Grampeado – Lauschangriff“  ab, für die ich in Frankfurt, Recife und Rio de Janeiro gearbeitet habe. Neben Musikern meiner Band wirken daran auch Musiker mit, die in Brasilien leben, wie Lenine, Silvério Pessoa und Plínio Profeta und andere. Auf der CD vermischen sich der brasilianische Nordosten und der Rest der Welt. Außerdem schreibe ich gerade die Texte zu den Melodien von Zé Renato. Auf seiner CD wird es um das ökologische Ungleichgewicht gehen. Insbesondere um das Ansteigen der Meeresspiegel, verursacht durch das Abschmelzen der Polarkappen, das wiederum mit dem Abbrennen der Regenwälder und anderen Unachtsamkeiten in Verbindung steht. Es ist ein ernstes Thema, das aber mit Humor und guter Musik angegangen wird. Es handelt sich nicht um eine Kinder CD, aber um eine CD, an der viele Kinder mitgewirkt haben.

 

KultBrasil In Ihrem letzten Album haben Sie zusammen mit Lenine gearbeitet. Welchen Künstler der MPB fühlen Sie bei der  Interpretation Ihrer Musik am ehesten verbunden?

 

Obwohl meine Songs unter anderem von Ney Matogrosso, Erasmo Carlos, Paula Toller, Elba Ramalho, Silvério Pessoa und Anderen aufgenommen wurden, ist meine Verbindung zu Lenine doch eine ganz besondere. Wir haben zusammen ein großes künstlerisches und existenzielles Abenteuer durchlebt. Wir haben Haus, Bühne, Freunde und wenig Essen geteilt… Wir kennen uns seit einer Zeit, in der ein großer Teil unserer Persönlichkeit noch im Entwicklungsprozess war. Wir haben uns gegenseitig stark beeinflusst. Wenn ich ihm einen Songtext gebe, weiß ich, dass er ihn singen wird, als ob er von ihm selbst geschrieben wäre.

KultBrasil Wie ist das Verhältnis Ihres deutschen Publikums zu Ihrem Repertoire, Ihrer Musik?

 

Die Deutschen, die meine Show besuchen, sind stets überrascht. Es ist für sie eine unbekannte Musik, die doch etwas mit ihnen zu tun hat. Ich mache eine international-brasilianische Musik des Nordostens. Wenn ich in Brasilien spiele, gefällt es den Leuten auch. Wenn ich meine Texte schreibe, denke ich meistens an die Leute dort, aber sie haben eine Beziehung zu Menschen von überall. In Wirklichkeit denke ich weder an den brasilianischen noch an den deutschen Markt, wenn ich schreibe, sondern ich mache Musik, die mir gefällt. Nur dadurch habe ich die notwendige Sicherheit, um die Musik überall in der Welt zu präsentieren.

 

KultBrasil Uns ist aufgefallen, dass einigen brasilianischen Musiker zunächst außerhalb Brasiliens Ruhm und Prestige zu teil werden, während sie in Brasilien kaum beachtet werden. Bebel Gilberto ist so ein Beispiel. Erst nachdem sie außerhalb Brasiliens weit bekannt war, sind ihre Musiken zum Beispiel auch für die brasilianischen Telenovelas verwandt worden. Spüren Sie hier auch eine andere Anerkennung Ihrer Musik als in Brasilien? Kennen Sie andere Künstler, denen es ähnlich ergeht?

 

Da ich hier lebe, ist es natürlich so, dass ich hier in Europa bekannter bin als in Brasilien. Aber ich habe nie die Meinung gehabt, dass Brasilien ungerecht zu mir ist. Meine Kompositionen werden dort in einigen Radios gespielt und wurden für wichtige Preise nominiert, wie zum Beispiel im Jahr 2005 für den besten brasilianischen Song des Jahres beim TIM-Festival. Ich habe sogar einen Grammy gewonnen!

Mein Fall ist ganz anders als der von Bebel Gilberto. Ihre CD „Eletro Bossa“ war eine ausgezeichnete Produktion, die aber ganz eindeutig mehr auf den internationalen Markt ausgerichtet war. Es war Bossa Nova in einem neuen Gewand. Hervorragende Musik, aber ohne besonders hervorstechende Texte. Das spricht eher das Publikum in anderen Ländern an als das Publikum in Brasilien. Meine Musik ist eine Fusion, die ich selbst voran treibe. Für sie wäre es leichter, Erfolg in Brasilien als hier, wo die Texte praktisch ihre Ausdruckskraft verlieren. Aber ich entschieden, in Deutschland zu leben, und von hier aus strebe ich auch danach, in Brasilien präsent zu sein.   

 

KultBrasil Um komponieren zu können, braucht man viel Kreativität und Inspiration. Fällt Ihnen das Komponieren immer leicht?

 

Komponieren hat viel mit einer konstanten Einstellung zu tun. Es gibt Zeiten, in denen ich mehr komponiere, und Zeiten, in denen ich weniger produziere. Aber ich bin eigentlich immer dabei, etwas zu entwerfen – sei es mit dem Stift oder mit der Gitarre. Der größte Teil dieser Produktion ist am Ende nur Übung, Training, eine Art, die Technik zu verfeinern. Die besten Sachen, die ich komponiert haben, verdanke ich mehr einer „Motivation“ als einer „Inspiration“. Diese Motivation kann von einer neuen Leidenschaft kommen, von einem Satz, den ich in der Metro aufgeschnappt habe oder von einer Person in einem Buch, aber auch von surrealen Situationen, wie eine Wolke, die vorbei zieht und die Form einer Flasche hat. Diese Motivation formt die Schwierigkeiten des Akts des Schaffens in ein normales Puzzle um, dessen Lösung Spaß macht.

 

KultBrasil Wenn Sie ihren Mitmenschen ein Rat geben könnten, was würden Sie ihnen sagen?

 

Ich erfülle nicht die geringste Voraussetzung, um irgendjemandem irgendetwas zu raten. Bei vielen meiner Texte teile ich mit meinen Zuhörern  meine Sorgen und meine Visionen in Bezug auf bestimmte Ereignisse. Ich wecke Aufmerksamkeit für eine Sache, die ich interessant finde. Ich erzähle, wie gut es war, mit jener Frau zusammen zu sein und wie jene andere mich verrückt gemacht hat. Ich erzähle von meinen Zweifeln. Ich schreibe über eine bestimmte imaginierte Person, die aufwacht, sich von gefährlichen und unbekannten Dingen umzingelt sieht – und erinnere mich nicht mehr, wer es ist. Ich schreibe, dass die Welt sich auflehnt und dass ihr Rächer das Wasser ist. Ich schreibe, dass die Telefone abgehört werden und dass es Menschen gibt, die auf der Straße von deinen Lippen ablesen. Ich schreibe Die Welt ist schlecht / Die Welt ist niederträchtig / Die Welt ist phänomenal, stimmt’s? (im Original ein Sprachspiel: O mundo é mau / O mundo é vil / O mundo é fenomenal, viu?, die Red.) Denkst Du, dass eine Person, die solche Sachen schreibt, irgendjemandem einen Rat geben kann?

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