Juliana da Silva ist eine wunderbare brasilianische Sängerin. Obwohl sie schon früh ihr musikalisches Talent entdeckt hatte, absolvierte sie zunächst ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität PUC in Sao Paulo. Erst in Deutschland folgte sie ihrer Leidenschaft zum musikalischen Universum. Ihr Repertoire ist stark von brasilianischen Musikern geprägt, die sie im Rahmen ihrer Lieder interpretiert.
Im Interview mit KultBrasil erzählt Juliana von ihrem Werdegang als Musikerin und von Meilensteinen auf diesem Weg.
Mehr Informationen zu Juliana da Silva findet man auf folgender Seite: http://www.myspace.com/julianadasilva
KultBrasil Wie kam es dazu, dass Du Sängerin wurdest und beschlossen hast, Dich der brasilianischen Musik außerhalb Deines Landes zu widmen?
Seit meiner frühen Kindheit singe ich. Musik war immer ein zentraler Bestandteil meines Lebens. Zum ersten Mal stand ich im Alter von 12 Jahren auf der Bühne. Trotzdem habe ich nie daran gedacht, Musik zu studieren. Ich habe Übersetzung an der PUC studiert und für ein multinationales Unternehmen gearbeitet. Dass ich nach Deutschland gezogen bin und meine Berufung als Sängerin entdeckt habe, war eine Wendung des Schicksals: Auf dem Oktoberfest in Blumenau habe ich meinen Ex-Mann kennen gelernt. Er stammt aus einer Musikerfamilie und spielte dort. Wir waren erst eine Zeit lang zusammen und zogen dann gemeinsam nach Deutschland. Seine Familie und er waren sehr beeindruckt von meiner Musik, zumal ich keine Gesangsausbildung hatte. Über ihn machte ich viele Kontakte. Meine erste Einladung erhielt ich 1991, im Rahmen eines historischen Stadtfests zu singen. Seitdem ging es immer weiter, und ich habe nicht mehr mit dem Singen aufgehört. Ich sang in einer Big Band und in einer Gruppe, die sich „Beija Brasil“ nannte. Mehr und mehr entdeckte ich jedoch meine Liebe zum Jazz. Ich entschloss mich, mich voll und ganz auf die von mir geliebte Musik zu konzentrieren: MPB (Música Popular Brasileira). Ich hatte mehrere Jahre lang für ein multinationales Unternehmen in Frankfurt gearbeitet, als ich beschloss, mich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren. Ich habe diesen Schritt nie bereut.
KultBrasil Was war in Deiner Karriere bislang Dein wichtigstes Projekt?
Mein wichtigste Projekt bisher war eine Performance an der Seite des ungarischen Saxophonisten Tony Lakatos. Zusammen bildeten wir das Projekt „Tribute an Tom Jobim“. Ich muss zugeben, dass ich mehrfach einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen hatte, als ich brasilianische Musik in Moskau, Warschau und vielen anderen Ländern gesungen habe, insbesondere in Osteuropa, wo die brasilianische Musik nicht so bekannt ist.
KultBrasil Und woran arbeitest Du gerade?
Ich bereite ein musikalisches Projekt vor, das genau zu mir passt – mit einer Mischung von Musik bekannter Komponisten, aber auch von fantastischen Komponisten, die nicht so bekannt sind. Auch eigene Kompositionen von mir sind darin enthalten.
KultBrasil Wenn wir einen Blick auf Dein Repertoire werfen, fällt auf, dass Bossa Nova und MPB darin eine zentrale Rolle zukommt. Stimmt diese Beobachtung?
Ja, da ist korrekt. Aber schon als ich ein Kind war, habe ich alles gehört. Zum Beispiel hat mein Vater am Sonntag immer Musik von der Big Band von Glenn Miller gehört, Perez Prado, die Boheme-Musik von Nelson Goncalves oder auch Choro. All dies hat mich auch stark beeinflusst. Ich höre mir ganz viele Sachen an und wähle dann die Stücke aus, die ich am meisten mag. Und zum Jazz kann ich sagen: Ich habe ihn wirklich hier in Deutschland entdeckt, und durch ihn habe ich weitere Grenzen überschritten.
KultBrasil Warum identifizierst Du Dich gerade mit diesen Musikstilen?
Jenseits der Musik hat mir immer die Literatur gefallen. Deshalb ist es für mich etwas ganz Besonderes, wenn bestimmte Musikstile die Schönheit der Melodie mit einer wunderschönen Poesie vereinen. Das Musikstücke, bei denen ich eine Gänsehaut spüre, während ich sie singe.
KultBrasil Welchen Sängern der MPB und Bossa Nova fühlst Du bei der Interpretation Deiner Musik am ehesten verbunden?
Nun, die erste war mit Sicherheit Elis Regina, die zweite war Elis und die dritte war Elis. Bis heute finde ich, dass sie und die Band von César Camargo etwas ganz Besonderes geschaffen haben, eine moderne Musik, die mich emotional anspricht und inspiriert. Manchmal glaube ich, dass es die Musik von Elis war, die in mir die Leidenschaft für’s Singen entfacht hat. Aber wer weiß! Neben ihr gibt es aber noch viele Andere: Tom Jobim ist meine große Liebe. Ich war noch ein Kind, als ich Luiza zum ersten Mal gehört habe, und seitdem ist sie nicht mehr aus meinem Leben verschwunden. Nur um noch ein paar weitere Namen zu nennen: Leny Andrade, Eliseth Cardoso, Simone, Freddy Mercury, Carmen Mc Rae, Chet Baker, Ella Fitzgerald. Und im Bereich der Jazz-Musik liebe ich es am meisten, zu den Shows von Dianne Reeves zu gehen. Als ich zum ersten Mal bei einer Show von ihr war, dachte ich, dass ich von dort direkt ins Krankenhaus eingeliefert werden würde. Sie ist eine Göttin!
KultBrasil Wie ist das Verhältnis Deines Deutschen Publikums zu Deinem Repertoire von Bossa Nova und MPB Musik?
Die Deutschen kennen die brasilianische Musik viel besser, als wir es uns manchmal vorstellen. Ich trete häufig in Jazz-Clubs auf, und die Personen kommen dorthin, um sich bewusst die Musik anzuhören und nicht zum Quatschen. Sie haben ein wirkliches Interesse an der Musik. Die Bossa Nova war und ist immer noch ein weltweites Phänomen. Ich habe die Gewohnheit, viel zu reden und so übersetze ich während meiner Shows häufig den Titel oder gebe eine Zusammenfassung, worum es in der Musik geht. Ich glaube, das hilft den Deutschen, um sich eine Vorstellung jenseits der Melodie zu machen. Ich habe schon gesehen, wie Deutsche geweint haben, nachdem ich „Cacador de mim“ gesungen habe. Wahrscheinlich hat dazu beigetragen, dass sie wussten, dass es um unseren Suchprozess im Leben ging, auf der „Jagd nach meinem ich“ zu sein. Sie haben alles verstanden, und das hat sie emotional aufgewühlt.
KultBrasil Uns ist aufgefallen, dass einigen brasilianischen Musiker zunächst außerhalb Brasiliens Ruhm und Prestige zu teil werden, während sie in Brasilien zuächst kaum beachtet werden. Bebel Gilberto ist so ein Beispiel. Erst nachdem sie außerhalb Brasiliens weit bekannt war, sind ihre Musiken zum Beispiel auch für die brasilianischen Telenovelas verwandt worden. Spürst Du hier auch eine andere Anerkennung Deiner Musik als in Brasilien? Kennst Du andere Künstler, denen es ähnlich ergeht?
Ich glaube, dass Brasilien bezogen auf Musik einen sehr speziellen Kontext darstellt. In Wirklichkeit, ist Brasilien in einer sehr privilegierten Lage, weil es ein unglaublich hohe Anzahl an guten Musikern gibt. Es ist klar, dass nur eine sehr begrenzte Zahl dieser Musiker wirklich ein Star im Land werden kann. Da macht es natürlich einen großen Unterschied, wenn eine Deiner Liedern in einer Telenovela gespielt wird. Erfolg auf dem brasilianischen Markt zu erzielen, ist sehr schwer, weil er sehr viel stärker von den Massenmedien beeinflusst wird als anderswo. Deshalb gibt es so verrückte Fälle wie Joyce, die eine fantastische Musikerin ist, aber mehr CDs in Japan verkauft als in Brasilien. Als ich davon gelesen habe, habe ich nur gedacht: Wie schade für Brasilien, denn sie ist wirklich großartig.
KultBrasil Brasilien ist international besonders für drei markante Aspekte bekannt: Samba, Karneval und Fußball. Natürlich ist dies ungerecht, wenn man bedenkt, wie viele andere interessante Faktoren und Musikrichtungen, die das Land prägen. Du überschreitest mit Deiner Musik diese Stereotypisierung von Brasilien. Spürst Du zuweilen Ablehnung, weil Du etwas zeigst, an das die Leute in Zusammenhang mit Brasilien nicht gewöhnt sind? Wie ist die Akzeptanz?
Einige Leute hier in Deutschland haben diese Idee von Brasilien als Ramba Samba, insbesondere wenn sie vor allem brasilianische Batucada Musik kennen und auf Festivals wie in Coburg gehen, wo nur Tanzmusik gespielt wird. Im Allgemeinen bemühe ich mich deshalb im Vorfeld darum, eine passende Beschreibung meiner Show als Vorankündigung zu geben, damit die Leute eine Vorstellung davon haben, was sie zu hören bekommen. Mir geht es darum, ein abwechslungsreiches Repertoire zu präsentieren, damit die Zuhörer unterschiedliche brasilianische Rhythmen kennen lernen können.
Ich hatte bisher eigentlich nur eine einigermaßen negative Erfahrung – in einem Jazzclub in Darmstadt. Ich habe Jazzstandards und Bossa Nova gesungen- im Rahmen eines Programms, das ganz explizit auf diese Stilrichtung ausgerichtet war. Trotzdem kam in der Pause ein deutsches Ehepaar auf mich zu. Die beiden erzählten mir, dass sie Brasilien lieben und immer wieder nach Bahia reisen. Und in Wirklichkeit würden sie gerne im Rahmen meiner Show jene Musik hören, die sie auf den Straßen und im Radio Bahias kennen und schätzen gelernt haben. Mit Charme versuchte ich ihnen zu erklären, dass diese Musik nicht in den Rahmen meines Programmes passe. Ich spürte gleich, dass sie sich angegriffen fühlten, nach dem Motto: „Wie kann es angehen, dass eine Brasilianerin nicht „unsere“ Musik singt?“. Nach der Pause verließen sie das Konzert, stoppten draußen vor einem Plakat, auf dem mein Name stand, und sagten: „Juliana da Silva – nie wieder!“ Ein Freund von mir hat diesen Kommentar aufgeschnappt, und lief aufgeregt und besorgt zu mir, um es mir zu erzählen. Ich habe geschmunzelt und gesagt, dass ich glücklich sei, denn so brauchten sie nicht das hören, was sie nicht wollten. Wenn sie darauf festgelegt sind Axé zu hören, können sie in meiner Show mit Aguas de Marco von Jobim nicht glücklich werden, oder?
KultBrasil Vor kurzem hat der deutsche Musiker Till Brönner eine der Bossa Nova gewidmeten CD hier in Deutschland heraus gebracht. Sie hat den Namen „Rio“ und einen beachtlichen Erfolg erzielt. Glaubst Du, dass die Akzeptanz unterschiedlicher Musikstile in Europa wächst?
Ich finde es toll, dass Till Brönner diese CD mit wunderbaren brasilianischen Musikern aufgenommen hat. Allerdings war ich enttäuscht über die anschließende Tournee. Ich hätte mir gewünscht, dass er im Rahmen seiner Show mehr von der brasilianischen Musik gespielt hätte und nicht nur ein oder zwei Titel. Ich glaube auch, dass viele Besucher der Tournee mehr brasilianische Musik hören wollten. Das Problem lag sicher darin, dass sie während der Tournee nicht den gleichen brasilianischen Klang erreichen konnten, weil die CD ja mit berühmten brasilianischen Musikern aufgenommen wurde. Aber es ist schön zu sehen, dass sich brasilianische Musik gut verkauft, wenn sie gut gemacht ist. Diana Krall hat gerade eine CD mit brasilianischer Musik aufgenommen, auf der Arrangements von Claus Ogermann enthalten sind. Bereits Tom Jobim hat die Arrangements von Ogermann bevorzugt. Etwas überspitzt kann man sagen: Die Welt ist immer offen für gute brasilianische Musik.
Vielen Danke für dieses Gespräch, wir von KultBrasil wüschen Dir viel Erfolg!