Robert Kühn, geboren 1967, ist seit Januar 2009 als abgeordnete Auslandsdienstkraft (ADLK) Grundschulleiter an der deutschen Schule „Escola Alema Corcovado“ (EAC) in Rio de Janeiro. Er ist außerdem als Künstler tätig und insbesondere an Neuen Medien interessiert. Ein künstlerisches Online-Projekt stellt seine Seite „MotivaRtion.de“ dar – mit dem aussagekräftigen Untertitel: „Kraft durch Kunst“.
Was ist Ihr Ziel mit der Seite motivaRtion.de?
Ursprünglich habe ich auf der Seite ein Schulprojekt gleichen Namens präsentiert. Nach und nach habe ich weitere Projektbeschreibungen hinzugefügt. Mittlerweile stehen die privaten bzw. künstlerischen Inhalte im Vordergrund, von denen die meisten allerdings nur Freunden und Familie durch ein Passwort zugänglich sind.
Was ist das Besondere an der Seite?
Vielleicht die etwas ungewöhnlichen Schulprojekte, die dort skizziert sind. Ich überlege, wie ich die Seite durch offen zugängliche Inhalte interessanter machen kann. Deshalb gibt es jetzt eine neue Fotogalerie, die Fotos aus Rio zeigt, aber von privaten Schnappschüssen befreit ist. Die Seite wird nach und nach weiter entwickelt.
Warum haben Sie sich gerade Brasilien ausgesucht, um Ihre künstlerischen Ideen zu verwirklichen?
Von Brasilien kenne ich bisher ja nur einige Stadtteile Rios. Es gibt hier sehr viel zu entdecken und zu sehen, was für das europäische Auge spannend ist. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Besonders spannend wird es, wenn man die Südzone Rios verlässt. Das ist dann schon eine Herausforderung, was man dort zu sehen bekommt. Da braucht man viel Unvoreingenommenheit.
Was reizt Sie aus künstlerischer Sicht besonders am brasilianischen Alltag?
Den brasilianischen Alltag lerne ich ja gerade selbst kennen. Ich glaube, der überwiegende Teil der Bevölkerung arbeitet unter schwierigsten Umständen sehr hart. Es wird aber kaum gejammert.
Sie haben Rio de Janeiro zum ersten Mal im Jahr 2004 besucht. Was haben Sie vor Ihrer Reise dorthin über Brasilien und Rio gedacht?
Ich hatte die üblichen Klischees von Karneval, Strand und Straßenkindern im Kopf. Von meinem Bruder, der dort ein Forschungsprojekt leitete, hörte ich aber ganz andere Sachen. Nach einigem Zögern habe ich mich dann - zum Glück - auf den Weg gemacht.
Wie hat sich seitdem Ihr Bild von Brasilien insgesamt und Rio de Janeiro im Besonderen verändert?
Vom Optischen ist Rio ja erstaunlich nah an den Postkarten, die jeder im Hirn hat. Das haut einen ja erst mal um. Dann ist es immer warm, und die Menschen sind gutgelaunt und freundlich. Die harte Arbeit, die schweren Lebensumstände der Bevölkerung sind Dinge, die ich auf den ersten Blick nicht so erkannt habe. Ganz viele Klischees, die man hier von Deutschen häufig zu hören bekommt, kann ich überhaupt nicht bestätigen. Das mag daran liegen, dass meine Frau aus Rio stammt und eben den richtigen Weg kennt, um mit den Menschen zu kommunizieren. So haben wir beispielsweise alle Möbel und Haushaltsgegenstände entgegen aller Prognosen pünktlich zum Termin und in optimalem Zustand geliefert bekommen.
Sie leben jetzt seit einigen Monaten in Brasilien als Leiter einer deutschen Grundschule. Was ist Ihnen in den ersten Wochen Ihrer neuen Arbeitstätigkeit besonders aufgefallen?
Zunächst einmal kann ich bestätigen, dass an Deutschen Auslandschulen mehr gearbeitet wird als an innerdeutschen Schulen. Das finde ich persönlich nicht verwunderlich. Die Eltern zahlen viel Geld, um ihren Kindern einen Aufenthalt dort zu ermöglichen und erwarten naturgemäß auch einiges. Die Schülerinnen und Schüler sind der Schule gegenüber überdurchschnittlich aufgeschlossen. Sie sind zwar temperamentvoller als viele ihrer Altersgenossen in Deutschland, aber das ist durchaus positiv. Schlechte Laune oder Aggressionen sind kaum zu finden. Die Kinder haben ein starkes Eigeninteresse an Lerninhalten und werden von ihren Eltern auch im außerschulischen Bereich stark gefördert und gefordert. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist auch viel intensiver und besser, als ich es gewohnt bin.
Der frühzeitige Erwerb von „Fremdsprachen“ rückt ja immer mehr in den Mittelpunkt der Diskussion um Innovationen in der Grundschule bzw. sogar schon im Kindergarten, da man inzwischen weiß, dass Mehrsprachigkeit mehr Benefits hat, als bloß die Beherrschung mehrerer Sprachen. Hier liegt meines Erachtens eine der größten Chancen im Betrieb einer Begegnungsschule, wie der Escola Alema Corcovado, an der ich tätig bin. Mehrsprachigkeit bereits im Kindergarten ist hier Standard, und man sieht, wie die Kinder davon profitieren, auch wenn der Schulalltag für die Schülerinnen und Schüler bestimmt insgesamt anstrengender ist als in Deutschland.
Was ist Ihnen im Rahmen Ihrer weiteren Tätigkeit als Grundschulleiter in Brasilien besonders wichtig?
Dass den Kindern der Unterricht Spaß macht. Das steht für mich an erster Stelle. Die meisten Schülerinnen und Schüler sprechen zu Hause Portugiesisch. Den ganzen Schultag, der bei uns in der Grundschule um 7.15 Uhr anfängt und bis 13.30 Uhr dauert, müssen sich die Kinder auf den Unterricht in deutscher Sprache konzentrieren. Dazu kommen Hitze und Klimaanlagen. Die Schule ist anstrengend für die Kinder. Offene und vor allem spielerische Formen des Unterrichts sind für mich deshalb hier in Rio noch wichtiger als in Deutschland. Lernen ohne Lust funktioniert nicht.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, eine Verbindung zwischen Ihrer künstlerischen Aktivität – wie z.B. durch die Seite motivaRtion.de – und Ihrer Tätigkeit als Grundschulleiter zu schaffen?
Projektideen kommen bei mir meistens aus der künstlerischen Ecke. Dort haben es mir besonders die Neuen Medien angetan. Eine dankbare Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler lieben es, am PC zu arbeiten. Es ist aber wichtig, dass sie lernen, dass der Computer ein sehr nützliches Werkzeug ist, das weitaus mehr kann, als zu unterhalten.
Kunst hat ja immer viel mit Wahrnehmung zu tun. Hier hat Rio sehr viel zu bieten - bereits auf dem Schulgelände, das von Palmen umsäumt nicht nur direkt an einer Favela liegt, sondern auch an den tropischen Regenwald grenzt. Eine Verknüpfung mit meiner Seite „motivaRtion.de“ ist nicht geplant, aber auch nicht ausgeschlossen. Zunächst wird die Schulhomepage natürlich die Plattform sein, auf der künftige Projekte dargestellt werden.
Wenn Sie abschließend Ihre bisherigen Erfahrungen noch einmal resümieren, was raten Sie Brasilien-Reisenden und Menschen, die mit dem Gedanken spielen, nach Brasilien zu ziehen?
Als sich zum ersten Mal die automatischen Glastüren des Flughafens in Rio de Janeiro für mich öffneten und ich den würzigen Tropengeruchs Rios in der Nase spürte, war für mich klar: Hier ist ein ganz besonderer Ort. Dieser erste Eindruck hat sich für mich bestätigt. Ich habe mich in Rio verliebt, nicht nur in die Stadt, sondern auch in meine Frau, die ich 2004 kennen lernte und mit der ich jetzt zusammen mit unserer kleinen Tochter in Rio lebe. Ohne meinen Bruder Thomas, der Brasilien für die Familie entdeckt und erobert hat, hätte ich mich aber wahrscheinlich gar nicht auf den Weg gemacht.
Ich rate jedem Reisenden, sich vorher gut zu informieren, aber hinterher das meiste wieder zu vergessen. Klischees versperren einem die Sicht auf die Realität. Rio ist nun einmal ganz, ganz anders, als alles, was man aus Europa kennt. Da will man sich irgendwo festhalten. Aber es nützt nichts: Nur der eigene unverfälschte Blick bringt einen hier weiter.