Das Buch „Mineirinha n’Alemanha“ basiert auf und schildert Erfahrungen einer Brasilianerin, die seit über 15 Jahren in Deutschland lebt. Deutlich wird ihre Auseinandersetzung mit der brasilianischen und deutschen Kultur. Es geht darin auch um Voraussetzungen für die deutsche Staatsbürgerschaft und um Fragen rund um den deutschen Arbeitsmarkt für Ausländer.
Die Autorin lobt verschiedene Gesichtspunkte der deutschen Kultur, veranschaulicht diese und reflektiert, inwiefern sie sich auf die brasilianische Gesellschaft übertragen lassen. Sie bekräftigt, dass die Brasilianer in Deutschland positiv für die deutsche Gesellschaft sein können. Ihre Grundüberzeugung besteht darin, dass die beiden Kulturen zu großen Teilen komplementär sind und sich positiv austauschen können. Sie betont, wie wichtig die Bereitschaft des einzelnen Menschen ist, sich auf eine neue Kultur einzulassen.
Sandra Santos hat Betriebswirtschaftslehre an der Bundesuniversität von Minas Gerais und Außenhandel an der UNA in Belo Horizonte studiert sowie eine Weiterbildung im Bereich Human Resources an der Fernakademie Hamburg abgeschlossen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist sie Personalreferentin einer deutschen Firma im Mittelstand. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Sandra betreibt einen eigenen Blog in portugiesischer Sprache:www.mineirinhanalemanha.de
Auf dieser Seite finden sich auch genauere Informationen zu ihrem Buch – inklusive Originalzitate Portugiesisch sprechender Leser die ihr Buch bisher aus Brasilien, Portugal und Deutschland bestellt haben. Auch das Buch selbst kann über Sandras Seite erworben werden.
*: Als Mineiros werden die Einwohner des Bundesstaates Minas Gerais in Brasilien bezeichnet. Mineira ist die weibliche Form des Wortes.
Wie ist die Idee zu deinem Buch entstanden?
Die im Buch enthaltenen Texte sind im Laufe der letzten fünf Jahre entstanden, ohne dass ich dabei die Idee eines Buches gehabt habe. Seit 2003 habe ich einen Blog und war für 4 Jahre Kolumnistin auf der Seite „Viver na Alemanha“ (in Deutschland leben).
Das Buch ist eine Auswahl der Texte, die am häufigsten gelesen und kommentiert wurden, sowie derer, die am repräsentativsten für das waren, was ich in den letzten fünf Jahren geschrieben habe.
Für mich war es eine bewundernswerte Überraschung die Einladung der brasilianischen Illustratorin und Designerin, Cecília Palmer, bekommen zu haben, gemeinsam mit ihr dieses Projekt zu realisieren. Sie hat das Buch sehr bereichert, indem sie ihm eine visuelle Identität gegeben hat und auch ein Titelblatt geschaffen hat, das die positive Integration der deutschen und der brasilianischen Kultur repräsentiert. Dazu tragen auch die verschiedenen Illustrationen im Buch bei.
Du lebst jetzt seit 1993 in Deutschland. Hattest du am Anfang einen Kulturschock?
Klar, ich hatte Millionen! Ich bin vor der Ära des Internets nach Deutschland gekommen. Und jenseits der Kälte und der Sehnsucht, kannte ich nur die Gegenwartsform der deutschen Sprache und konnte mich weder bezogen auf die Vergangenheit, noch auf die Zukunft ausdrücken. Ich konnte mich nur mit einer einzigen Person unterhalten, ich konnte nicht lesen und mich über verschiedene Dinge informieren, wie ich es gewohnt war, weil ich nicht in der Lage war, Zeitungen und Zeitschriften zu lesen oder fern zu sehen. Ich habe kontinuierlich Deutsch und Englisch vermischt, und das Schlimmste war: Ich habe die Verhaltenskodes der deutschen Kultur nicht verstanden.
Zum Beispiel erinnere ich mich an meinen Geburtstag, den ich in einem Unternehmen feierte, bei dem ich ein Praktikum machte. Während ich eine kleine Überraschungsparty erwartete, wie es in Brasilien üblich ist, haben meine Kollegen sicherlich erwartet, dass ich einen Kuchen mitbringen oder etwas für die Feier des Tages anbieten würde, wie es in Deutschland üblich ist. Dies habe ich aber erst Monate später verstanden!
Oder das erste Mal, als ich eine Diskussion mit einem Arbeitskollegen hatte. Er richtete den Finger auf mich, ich forderte ihn auf, dies zu unterlassen und flößte ihm unbewusst dadurch Respekt ein. Am nächsten Tag kam er zur Arbeit mit Geschenken für mich. Ich habe gelernt, dass ein Deutscher häufig austestet, wie viel Raum er hat, aber wenn man weiß, wie man ihm Respekt einflößt, gelingt es ihm, seine Grenzen anzuerkennen.
Anfangs hatte ich auch eine enorme Schwierigkeit damit, “du” oder “Sie” zu benutzen. Um ehrlich zu sein, habe ich die Bedeutung dieser Unterscheidung nicht verstanden. Ich habe alle mit „du“ angesprochen, sei es den Busfahrer oder eine Verkäuferin, und ich habe nicht verstanden, dass die Leute so seltsam auf ein so „kleines“ Detail reagiert haben. Wenn ich zurückblicke, glaube ich zu verstehen, dass es einen Teil des Integrationsprozesses darstellt, diesen Unterschied zu begreifen.
Ich kann sagen, dass zu Beginn alles ein Schock war, aber auch sehr lehrreich. Heute habe ich eine doppelte Staatsangehörigkeit (deutsch und brasilianisch) und fühle mich als integrierten Bestandteil beider Kulturen.
Jede Kultur hat ihre Stereotypen, wie typische Personen sind. So werden zum Beispiel Typen „des Deutschen“ oder „des Brasilianers“ geschaffen. Für Einige tanzt der Brasilianer das ganze Jahr nur Samba oder spielt Fußball. Dagegen steht das Stereotyp des Deutschen als rigide, ohne Flexibilität und ausdruckslos, was Gefühle betrifft. Glaubst du, dass diese Klischees störend bei der Integration sind?
Mit Sicherheit. Auf der einen Seite versucht jedes menschliche Wesen, die äußere Welt zu vereinfachen, indem sie stereotypisiert wird – aus der Perspektive seiner eigenen Vor-Urteile und als Frucht von Erfahrungen von Freunden. Das ist total normal. Auf der anderen Seite können diese Stereotypen auch eine Falle für den Fremden sein, der sich darum bemüht, in eine neue Kultur zu integrieren. Wenn wir die faszinierende menschliche Vielseitigkeit auf einige Stereotypen reduzieren, kann uns das daran hindern, Kontakte zu machen und als Person und Fachkraft im Ausland zu wachsen.
Ein Teil des Selbstverständnisses vieler Brasilianer bezieht sich auf das „jogo de cintura“ (das Spiel der Hüfte). Damit soll ausgedrückt werden, dass der Brasilianer sehr flexibel und in der Lage ist, sich schnell anzupassen. Glaubst du, dass „jogo de cintura“ wirklich charakteristisch für die Brasilianer ist und ihnen dabei hilft, sich leichter an die deutsche Kultur anzupassen? Oder handelt es sich hier um ein weiteres Stereotyp?
Ich glaube, dass das „jogo de cintura“ zwei Seiten hat: Zur gleichen Zeit, dass es uns dabei hilft, uns an eine neue Kultur zu gewöhnen, kann man es auch als Forderung verstehen, dass die externe Kultur sich an uns anpasst, oder, dass wir glauben, dass es immer einen Ausweg vor der Regel oder Forderung von außen gibt. Dies kann auch ein Problem im Integrationsprozess darstellen.
Dein Buch ist von vielen brasilianischen Lesern gelobt worden. Leider gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Hast du vor, es zu übersetzen?
Ja, ich möchte sehr gerne eine deutsche Übersetzung veröffentlichen. Dafür suche ich noch nach einer Förderung oder einem Kooperationspartner. Es wäre dann aber keine bloße Übersetzung, sondern eine angepasste Version.
Was könnte ein Deutscher aus deinem Buch lernen?
In den letzten Jahren sind verschiedene Bücher herausgegeben worden, in denen Ausländer ihre Erfahrungen auf deutschem Boden schildern. Das zeigt eine Öffnung und Interesse für die Sichtweise des Anderen. Ich glaube, dass mein Buch einen Beitrag für den Integrationsprozess Deutschlands liefern kann, wo immerhin mehr als 20% der Bevölkerung Ausländer oder Nachkommen von Ausländern sind. Dieser Beitrag besteht darin, über die Beziehung zwischen Brasilien und Deutschland zu informieren und diese zu veranschaulichen – anhand von persönlichen Beobachtungen, wie eine Ausländerin - oder wie man es heute lieber politisch korrekt ausdrückt, eine „Person mit Migrationshintegrund“ - Deutschland und die interkulturellen Beziehungen innerhalb des Landes sieht.
Am 02. Mai 2009 stellt Sandra Santos ihr Buch in München vor, um 19h im Café „Wildwuchs am Werkhaus“. Auf Einladung des Deutsch-Brasilianischen Kulturvereins wird über die Migration der Brasilianer nach Deutschland und in andere Regionen der Welt diskutiert.
Sandra,
Como sabe eu já li o seu livro e ele é maravilhoso.
Parabéns pela entrevista.
Meire bagoli
