Sylk Schneider, Direktor des Kloßmuseums in Weimar, hat nun ein Buch verfasst mit dem Titel: „Goethes Reise nach Brasilien“. In diesem Buch zeigt er auf, wie intensiv Goethe sich mit Brasilien auseinander gesetzt hat. Kultbrasil hat mit Sylk Schneider ein Interview zu Goethes Interesse an Brasilien geführt, das er in seinem Buch thematisiert.
Schneider selbst hat ein Jahr lang im Rahmen eines Studienaufenthalts an der Bundesuniversität von Pernambuco studiert und sich während seines Studiums in Tübingen unter anderem der portugiesischen Sprache und Lateinamerika gewidmet. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen, in denen er sich mit der kulinarischen Welt ebenso wie mit Kultur auseinander setzt.
Herr Schneider, Sie haben Ihr Buch „Goethes Reise nach Brasilien“ genannt. Das macht neugierig. Können Sie uns etwas näher erläutern, was für eine Reise das war?
Nun – Goethe war nie in Brasilien gewesen, aber er hatte ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, Empathie und Vorstellungskraft. Er schreibt unter anderem, dass er sich angesichts der Schriften gar in jenem fernen Kontinente (Brasilien) einheimisch und zu Hause fühle.
Wie entstand Ihr persönliches Interesse an Goethes Auseinandersetzung mit Brasilien?
Einerseits habe ich in Brasilien studiert und begeistere mich für Reisebeschreibungen zu Brasilien, andererseits stammt meine Familie aus der Goethestadt Weimar. Mir fiel auf, dass in den Re-Editionen der Reisebeschreibungen des frühen 19ten Jahrhunderts zu Brasilien immer wieder Goethe zitiert wurde, aber bis auf die nach Brasilien geflohenen Exildeutschen, allen voran Ernst Feder, noch keiner diesen Zusammenhang von Goethes Seite her betrachtet hat. Und dies ist bei Goethe doch erstaunlich, denn Goethe und Goethes Leben ist wohl das am genauesten erforschte aller deutschen Autoren.
Wir erfahren in Ihrem Buch dass Goethe sich intensiv mit Brasilien beschäftigt hat, obwohl er selbst nie persönlich nach Brasilien gereist ist. Unter anderem richtete er sein Augenmerk auf die vielfältigen Reichtümer der Natur, aber auch an auf die brasilianische Gesellschaft. Wie entstand Goethes Interesse an Brasilien, und was faszinierte ihn an dem Land?
Goethes tieferes Interesse an Südamerika wurde mit Sicherheit von Alexander von Humboldt geweckt. Aber schon zuvor war durch einen der Väter der französischen Revolution, Abbé Raynal, das Interesse an den beiden Indien geweckt. Die Geschichte der beiden Indien von Raynal, welche eben auch von Brasilien handelt, war mit Begriffen von heute ein Bestseller. In Frankreich verboten, wurde es geheim gedruckt und erlebte viele Auflagen. In Weimar wurde eine Lesegesellschaft hierfür gegründet. Raynal selbst wurde wie ein Fürst in Weimar empfangen.
Und Goethe war ein Universalgelehrter, er interessierte sich für alles und war auch einer der letzten, der fast das ganze Wissen seiner Zeit in sich trug. Brasilien rückte mit der Flucht des portugiesischen Königshauses vor den Truppen Napoleons in den Blickpunkt. In der Folge durften erstmals Gelehrte das Land bereisen.
Wie sah Goethe die Zukunft Brasiliens? Inwiefern sind seine Ausführungen heute noch aktuell?
Schon Goethe erkannte, das dieses riesige Land ein Land der Zukunft sei. Damals diskutierte man, ob das kleine Portugal wohl eine Kolonie Brasiliens werden würde. In den Diskussionen um den acordo ortográfico kann man erkennen, dass Portugal heute Angst hat vor der kulturellen Kraft Brasiliens. In Portugal sieht man heute brasilianische Telenovelas, liest man brasilianische Comics, hat man Angst, die eigene Sprachmelodie zu verlieren. Heute ist Brasilien eines der bedeutendsten Länder weltweit, führend in vielen Bereichen. Und Portugiesisch ist dank Brasilien eine der bedeutendsten Sprachen weltweit. China hat dies erkannt, in Deutschland wird Portugiesisch leider als Sprache an Schulen und Universitäten vernachlässigt.
Lernen wir von Goethe: Er lieh sich mehrfach in der Herzoglichen Bibliothek ein Portugiesisches Wörterbuch aus. Erkennen wir die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Brasiliens. Schon heute ist Sao Paulo, die Stadt mit den meisten deutschen Firmen außerhalb Deutschlands. In Deutschland selbst fehlt es aber an einer entsprechenden Wertschätzung des Portugiesischen.
Stimmt es, dass sogar einige brasilianische Pflanzen nach Goethe benannt wurden? Wie kam es dazu? Sollte Goethe dadurch geehrt werden?
Ja, drei der bedeutendsten Wissenschaftler wirkten zusammen, um Goethe mit einer brasilianischen Malvenart zu ehren, der Goethea. Prinz Wied zu Neuwied brachte dies wunderschöne Pflanze mit, und Martius, der Vater der brasilianischen Botanik, sowie Nees von Esenbeck, Präsident der Akademie der Wissenschaften gaben ihr den Namen Goethea. Goethe half diese Ehre, neuen Lebensmut zu finden und nach schwerer Krankheit wieder zu gesunden. Ernst Feder nannte die Goethea eine Symbolpflanze des Humanismus.
Inwiefern haben Goethes Brasilienstudien auch Einfluss auf sein literarisches Werk gehabt?
Nun - in seine naturwissenschaftlichen Schriften gingen die Studien ein. Goethe nutzte sie unter anderem für seine Schrift „Metamorphose der Pflanzen“ und schrieb eine Rezension zu den Palmen des Martius. Marcus Mazzari von der Universidade Sao Paulo (USP) wird auf einem Humboldt –Kongress dieses Jahr in Berlin seine neuesten Forschungen darlegen, in denen er zeigt, dass „die nach Weimar geschickten Gedichte und Beschreibungen der brasilianischen Natur Spuren im Zweiten Teil des Faust (so etwa in der Eröffnungsszene „Anmutige Gegend“ und in Passagen des fünften Aktes) hinterlassen haben.“
Was können wir von Goethes Reise nach Brasilien lernen?
Wir können von Goethes Empathievermögen lernen, von seiner Netzwerktätigkeit und von Goethes Weltbürgertum. Ein sehr schönes Goethezitat lautet: "Mit Vergnügen sehe ich immer Ausländer bei mir, die mich besuchen wollen. Ihre Gesellschaft gibt gewissermaßen Ersatz für die Annehmlichkeiten einer Reise, die ich mir in meinem Alter nicht erlauben kann. Indem ich mit Ihnen spreche, reise ich auch, ohne den Aufenthalt zu wechseln." (Goethe, 8. Mai 1830) In einer globalisierten Welt ist es notwendiger als je zuvor, Netzwerke zu bauen und Ausländer als Chance zu betrachten.
Sie sind Direktor des Klossmuseums. Inwiefern profitieren Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit heute von Ihrem Aufenthalt in Brasilien und der Auseinandersetzung mit der brasilianischen Kultur?
Brasilien ist das führende Land weltweit, wenn es darum geht, die nationale Esskultur als Kulturerbe nach den Regeln der 2006 in Kraft getretenen UNESCO - Konvention zum Schutz und Bewahrung des immateriellen Weltkulturerbes umzusetzen.
IPHAN (Instituto do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional) und der brasilianische Hotel- und Gaststättenverband, allen voran Präsident Norton Luiz Lenhart, sind hier Vorreiter. Brasilien und andere Länder zum Vorbild nehmend wollen wir erreichen, dass die Traditionen und Handwerkstechniken rund um den Thüringer Kloß Weltkulturerbe werden. „Queijo de Minas“ und „Acarajé“ sind schon in Brasilien vom IPHAN als nationales Kulturerbe anerkannt worden.
Inwiefern werden Sie sich in der Zukunft im Rahmen Ihrer Forschungen und Veröffentlichungen mit Brasilien auseinandersetzen? Haben Sie schon weitere Projekte in Angriff genommen – wir haben gelesen, dass Sie sich generell für die Geschichte von Brasilienreisenden interessieren?
Nun - mein erschienenes Buch „Goethes Reise nach Brasilien“ ist nicht mehr als ein Skizzenbuch. Hier liegt noch viel Forschungsarbeit, ein weites Feld vor uns. Ich möchte dazu anregen, die Goethea wieder zu pflanzen - in Brasilien und Deutschland. Wichtig wäre auch eine Edition des Schriftwechsels zwischen Nees und Esenbeck sowie Martius und Wied. Hier erhoffe ich mir neue Erkenntnisse. In der Anna-Amalia Bibliothek schlummern unglaubliche Schätze, wunderbare Schriften zu Brasilien, die es wert sind, gehoben zu werden.
Goethea Cauliflora
Mehr Bilder zur Goethea, dieser wunderschönen brasilianischen Malvenart gibt es unter www.goethebrasil.de
