WM 2010

11.06.2010

Die WM hat begonnen. Über den Lärm der Vuvuzelas brauche ich mich ja nicht auszulassen, denn er ist in aller Munde. Ein anderer lärmender Moment war jedoch für mich das Highlight des gerade zu Ende gegangenen ersten Spieltages. Kurz vor dem Eröffnungsspiel habe ich meinen sechsjährigen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt und mit ihm in gemeinsamer Vorfreude aus vollem Hals in meinem Auto „Olé olé olé“ gegröhlt. Außerdem beschimpften wir rote Ampeln, die uns den Weg zur rechtzeitigen Rückkehr zur heimischen WM-Glotze versperrten. Ich bin sicher, dass dieses pädagogisch absolute unkorrekte Erlebnis auch für meinen Sohn das Tages-Highlight war.


Und danach? Ich muss es gestehen: Spätestens nach drei Minuten Eröffnungsspiel verlor ich die Geduld. Bei der WM will ich Tore sehen. Nach fünf Minuten verlor ich die Konzentration, und der Lärm der Tröten fing an, mich zu nerven. Nach 20 Minuten schlief ich ein. Die Woche war ganz schön anstrengend. Zwar wachte ich in der Halbzeitpause wieder auf, aber der Schlaf war nicht tief genug: Auch in der ersten Hälfte zwischen Frankreich und Uruguay schlummerte ich wieder ein.

Also erzähle ich lieber noch etwas von meinen Eindrücken vor der WM. Ich war diese Woche in Köln, Frankfurt, Hamburg und Bremen unterwegs. Was mir auffiel: Brasilien – oder besser ein bestimmtes Abbild vom Land – ist überall präsent. Dieses Abbild ist das Sinnbild für den friedlichen Party-Patriotismus, mit dem die WM gemeinhin in Verbindung gebracht wird. Dieses Brasilien eckt nicht an, ist sympathisch, farbenfroh und lecker.  Dieses Brasilien kann man sich einverleiben oder kaufen, zum Beispiel in Form eines T-Shirts, mit dem man sich als feierbereit ausweisen kann.

Bereits bei der Ankunft im Frankfurter Hauptbahnhof konnte ich mir ein Bild davon machen: Im Foyer gibt es während der WM einen Stand, an dem brasilianische Fan-Artikel verkauft werden. Hungrig von der Reise kaufte ich mir für 2 € eine Mini „coxinha de galinha“ und bekam eine Probe eines leckeren Maracuja-Cocktails in einem kleinen Plastikbecher gereicht.

Auch in den Innenstädten kann man der brasilianischen Flagge nicht mehr entkommen, wenn man es denn wollte. In den Schaufenstern sind Brasilien-Trikots Seite an Seite mit denen der  deutschen Mannschaft. Vor ein paar Jahren schrieb der bekannte deutsche Soziologe Ulrich Beck von der Brasilianisierung der deutschen Gesellschaft. Pronto – wir sind angekommen: Willkommen im brasilianisierten Deutschland. Wenn auch nicht im Beckschen Sinne, denn er bezog sich auf das Ausbreiten von Planungsunsicherheit und entgrenzten Arbeitsverhältnissen. Jetzt wollen wir Deutsche wie unser Vorbild der imaginierten Brasilianer sein, indem wir uns mit Fähnchen schmücken und eine große Sause machen.

Die WM bringt uns Flaggen. Auch die deutsche Fahne gibt es überall, von der Special Edition eines Rasierers, Schminkstifte bis hin zur Dekoration der Schaufenster. Der Appell: Gemeinsam grillen unter der Nationalflagge. Deutsches Würstchen oder argentinisches Beefsteak? Wie auch immer  - Guten Appetit.

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