WM 2010

13. 06. 2010

Endlich mal ein Spiel mit mehr als zwei Toren! Ich habe das Spiel zu Hause vor dem Fernsehen verfolgt, zusammen mit meinen beiden Söhnen, einer 6 Jahre, der andere 3 Monate alt. Ein ganz neues WM Erlebnis.

Im letzten Jahr habe ich für ein paar Monate in Australien gelebt und dort sogar ein WM Qualifikationsspiel der australischen Mannschaft live im Stadion verfolgt, das diese in Sydney mit 2:0 gegen Usbekistan gewonnen hat. Einfach zu schade, die Gelegenheit auszulassen, zum WM Eröffnungsspiel der deutschen und der australischen Mannschaft nicht das Trikot anzuziehen, das mir mein Freund Gavin als Geschenk gegeben hat: Also sitze ich vor der heimischen Glotze im australischen Nationaltrikot mit Känguru und Emu auf meinem Herzen. Als ich aber bei der australischen Nationalhymne aufstehen will, schmeißen sich meine Frau und mein 6-jähriger Sohn auf mich, um mich daran zu hindern. Wieder ein ganz neues WM Erlebnis.

Ich respektiere Australien, das mir im letzten Jahr meinen fünfmonatigen Studien-Aufenthalt dort finanziert hat, aber trotzdem bin ich für Deutschland. Beim schönen 1:0 springen mein Sohn Arthur und ich auf und jubeln laut. Mein kleiner Sohn sitzt daneben, guckt mich mit großen Augen an und fängt an zu weinen, denn er hat sich erschreckt. Noch ein neues WM Erlebnis.

 

Am spannendsten aber fand ich eine Entdeckung meiner Frau. Sie hat im Internet eine Seite gefunden, über die wir live die Berichterstattung im brasilianischen Fernsehen verfolgen können. Wir spielen damit – eine Zeitlang lauschen wir parallel dem deutschen und dem brasilianischen Kommentar, dann nur dem deutschen und am Ende nur dem brasilianischen, von Galvao Bueno. Noch nie habe ich ihn den deutschen Fußball loben hören, und auch heute beginnt er mit seinen Späßen über die deutsche Mentalität. Aber noch vor der Einwechslung von Cacau hat er seine Meinung geändert und lobt den deutschen Kombinationsfußball. Wir sind beide baff – er über die seiner Meinung nach beste deutsche Mannschaft, die er je gesehen hat, und ich darüber, ein solche Meinung aus seinem Mund zu hören. Auch die brasilianische Presse ist voll des Lobes und des Erstaunens über ein Deutschland, das plötzlich nicht nur effizient, sondern schön spielt. „Deutschland zeigt guten Fußball“, schreibt etwa „O Dia“ und „Deutschland macht es schön“ auf seiner Internetseite direkt nach dem Spiel.

Als Cacau eingewechselt wird, fühle ich mich bei der Live-Reportage bei Globo an meinen vor ein paar Tagen geschriebenen Blog erinnert. Es ist genau , wie ich es vorher gesehen habe – wenn auch im Eröffnungs- und nicht im Endspiel. Cacau trifft und Brasilien feiert ihn als Brasilianer – und tatsächlich kennt Galvao Bueno im Unterschied zu uns Deutschen seinen richtigen Namen.

 

Dreimal erzählt Galvao in zwanzig Minuten, wo er geboren wurde. In Brasilen spricht man von ihm nur als „brasileiro naturalisado“, als eingebürgerten Brasilianer. Galvao lässt sich im Folgenden noch darüber aus, wie viele eingebürgerte Brasilianer es bei dieser WM gebe, allein der Gruppengegner Portugal habe drei. Für eine halbe Minute vergisst er das Spiel der Deutschen einfach und redet darüber. Auch dass Mexiko zwei, Brasilien aber nur einen Schiedsrichter stellen dürfe, erregt sein Unbehagen.

Und Cacau? In Deutschland ist er nach dem Spiel eher eine Randnotiz. Von den vier Torschützen werden drei gleich im Anschluss an das Spiel live befragt, lediglich Cacau tritt nicht in Erscheinung. Oliver Kahn lobt seine Einwechslung als „Hygienemaßnahme“, um das Klima innerhalb der Mannschaft auf hohem Niveau zu halten. Statt dessen wird Klose gefeiert wird, der neben zwei bis drei klar vergebenen Chancen tatsächlich dank eines beherzten Einsatzes einmal getroffen hat. Aber in Brasilien? Da ist Cacau die Hauptnotiz. Hat mit ihm nicht auch ein bisschen Brasilien gewonnen? Oder das neue brasilianisierte Deutschland?

Armes Australien. Auf den Titelseiten dominierte vor dem Spiel noch ein Rugby-Spieler, dem eine Glanzleistung gelungen war. Aber nach dem Spiel wurde sogar Deutsch gelernt: „Auf wiedersehen, Aussies“. Ein bisschen Selbstironie, gefolgt von dem sachlichen Eingestehen des eigenen Desasters.

Mein Freund Gavin, der Neuseeländer und Australier ist, ist gerade in Südafrika. Wir haben uns vorher viel über das Spiel zwischen Australien und Deutschland unterhalten, und er war guter Hoffnung. Kopf hoch, buddy, jetzt drücken wir Neuseeland die Daumen.

 

 

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