Die Fußball WM ist nicht nur als Zuschauer spannend, sondern auch ein faszinierendes Thema an sich. Denn wie auch immer man es wendet: Die WM weckt Emotionen. Und genau deshalb wollen wir diese in einem Gemeinschaftsprojekt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken: Uns geht es um das ganz persönliche WM Erleben – und zwar von brasilianischen Deutschen ebenso wie von deutschen Brasilianern, von gewöhnlichen und außergewöhnlichen Deutschen und Brasilianern oder von in Deutschland oder Brasilien lebenden Menschen, die sich nicht als Deutsche oder Brasilianer ansehen.
Denn die WM weckt auch das Bedürfnis mitzumachen, sich zu artikulieren und seinen Standpunkt deutlich zu machen. Dazu wollen wir ein Forum bieten:
Dafür werden wir Interviews führen und rufen dazu auf, uns Bilder mit persönlichen Eindrücken zu mailen. Nähere Angaben dazu folgen in Kürze!
Mit der Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft ist die Erwartung einer großen Party und Feierlaune verbunden:
Für manch einen ist das natürlich nicht so eindeutig positiv wie oben geschrieben. Die Fußball WM weckt eher gegenteilige Gefühle. Wenn man an den omnipräsenten Fußball und die damit verbundene Einlullerei durch sämtliche Medien denkt, werden eher Fluchtgedanken geweckt. Kann man den ganzen Trubel nicht einfach für einen Monat weg-zappen? Grölende, fahnenschwenkende Massen wirken eher bedrohlich als verführerisch. Und wie ist es mit der Vermischung von Politik und Sport, mit Live-Schaltungen zu Soldaten im Kriegsgebiet zum Beispiel oder mit Diktatoren, die den Erfolg von Nationalteams nutzen, um sich ins rechte Licht rücken?
Deutlich wird: Die Fußball WM ist mehr als nur eine vorübergehende Party, von der nichts übrig bleibt als der Kater am Tag nach dem Endspiel und jede Menge Plastikmüll von den Public Viewing Events. Die Fußball WM hinterlässt bleibende Eindrücke, wie wir uns und Andere wahrnehmen, und wie wir durch Andere wahrgenommen werden – wer auch immer das „Wir“ und die „Anderen“ ausmacht.
Drei Beispiele sollen dies nur kurz verdeutlichen:
1) Sportliche Großereignisse wie die Fußball-WM lassen sich als Inszenierung von Nationalität begreifen. Nationalität erscheint als eine zentrale Ordnungskategorie des sozialen Lebens: Wir alle ordnen uns bestimmten nationalen Gruppen zu, die miteinander in Wettstreit treten. Nationalität wird gleichzeitig als etwas vermittelt, das Spaß macht und zu dem man sich bekennen soll. Nationalität wird zur Norm. Gleichzeitig wird durch sportliche Großereignisse aber auch ein gemeinsames inter-nationales Erleben geschaffen, das nicht zur Absonderung, sondern zu einem Gefühl des gemeinschaftlichen Verbunden-Seins jenseits der eigenen imaginierten Nation führt.
2) Sportliche Großereignisse wie die Fußball WM wecken unsere Neugierde, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Durch das positive Erleben von Fremdheit, z.B. über eine andere Spiel- und Feierkultur, werden wir angeregt, uns mit anderen Kulturen auseinander zu setzen und uns auch Gedanken zu machen über unterschiedliche soziale Chancenstrukturen. Im positiven Sinne trägt eine Fußball WM dazu bei, Unsichtbares sichtbar zu machen. Andrerseits kann man aber auch die Perspektive vertreten, dass gerade die Fußball-WM dazu führt, Schein-Normalitäten zu konstruieren statt kritisch soziale Spannungen in den Vordergrund zu rücken. Wer hat schon das nötige Großgeld, um als Fan zu einer Fußball-WM zu reisen?
3) Das Auftreten eines nationalen Teams und der dazugehörigen Fans beeinflusst das Selbst- und Fremdverständnis einer ganzen Nation. Zum Beispiel wird viel darüber diskutiert, inwiefern sich Deutschland durch die Ausrichtung der Fußball WM im Jahr 2006 verändert hat. Das Auftreten als ein guter Gastgeber hat es bei vielen in Deutschland ermöglicht, ein positiveres Verhältnis zur eigenen deutschen Nationalität zu entwickeln. Andere befürchten, dass dies der erste Schritt zu einem ausufernden Nationalismus sein könnte. Wie wichtig Fußball für das Bild eines Landes nach außen ist, veranschaulicht das Beispiel Brasilien. Kein Land hat häufiger die Fußball WM gewonnen als Brasilien. Außerhalb Brasiliens gehören Fußball und daran geknüpfte Kompetenzen wie Spielfreude, Wendigkeit, Körperkontrolle und Geschick zu den wichtigsten Gesichtspunkten, die spontan mit Brasilien in Verbindung gebracht werden. Und in Brasilien? Wenn die selecao spielt, steht alles still – und Millionen schauen gebannt zu, bereit zum Jubelsprung.
Folgende Partner sind an unserem Gemeinschaftsprojekt beteiligt:
KultBrasil und MotivARTion sind Kommunikationsplattformen, Ausdrucksräume und Informationsquellen zu Brasilien, die sich der Verbindung einer deutschen und brasilianischen Perspektive verschrieben haben. KultBrasil wurde von einer Brasilianerin in Deutschland, MotivARTion von einem Deutschen in Brasilien gegründet. Beste Voraussetzungen also, um jetzt gemeinsam das WM Erleben in Deutschland und Brasilien unter die Lupe zu nehmen.
Für die Universität Bremen ist das Projekt aus sozial- und wirtschaftspsychologischer Perspektive von Interesse. Zum Beispiel hinsichtlich der Frage, welche Bedeutung Nationalität für unsere moderne Identitätskonstruktionen besitzt oder hinsichtlich des Zusammenhangs von Sportereignissen und kollektiven Emotionen. Auch die Bedeutung der WM für die Entwicklung auf das soziale Image von einzelnen Ländern ist eine hoch aktuelle Fragestellung, insbesondere wenn man sich die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen (z.B. Attraktivität bestimmter Länder als Reiseziele oder von Marken, die mit Nationen verbunden werden) vor Augen führt. Welche Bedeutung hat die Fußball-WM für das Erleben von Ländern, Marken und Angebotswelten?
Kühn Research & Consulting (k-rc) ist für die Organisation und Durchführung der Interviews während der Fußball-WM verantwortlich.
Während der WM werden wir kontinuierlich über das Projekt berichten, um unser und Euer WM Erleben zum Ausdruck zu bringen. Dies erfolgt parallel auf den Seiten von kultbrasil.de und motivartion.de.
Dabei bemühen wir uns um Anschaulichkeit - in der Form von Schlüsselerlebnissen, Hintergrundberichten, persönlichen Geschichten und Bildern .
Wir freuen uns schon, das WM Erleben von Kultbrasil Lesern kennen zu lernen.
Nach Ende der WM werden wir in Kooperation mit der Uni Bremen einen Bericht erstellen und darüber auf unseren Seiten informieren. Selbstverständlich wird dabei Anonymität gewahrt.
Mit unserem Projekt geht es uns auch darum, den Startschuss zum Brückenbau ins Jahr 2014 zu geben: Wenn die WM in Brasilien stattfinden wird, werden wir unser Projekt fortsetzen und sehen, inwiefern sich z.B. durch die Gastgeberperspektive Veränderungen ergeben haben werden.
Wir wünschen uns allen eine spannende Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und freuen uns schon auf die kommende WM 2014 in Brasilien!!!